Teil eines Werkes 
6 (1870)
Entstehung
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1. 1427

ſeinen Tiefen ergründet hat. Gut, Morrel, wir wollen Beide auf den Grund des Ihrigen ſteigen und ſondiren. Iſt da noch jene wilde Ungeduld des Schmerzes, vor welcher der Körper erbebt? Iſt da noch ſtets dieſer glühende Durſt, den nur das Grab ſtillt? Iſt da noch immer das idealiſirte Leid, das den Lebenden dem Le⸗ ben entrückt, und ihn bis in den Tod verfolgt? oder iſt es die gänzliche Erſchlaffung des erſchöpften Muthes, der Feind, welcher den glimmenden Hoffnungsſtrahl erſtickt? Iſt es der Verluſt des Gedächtniſſes, der die Thränen nicht mehr fließen läßt? O mein Sohn, wenn es das iſt, wenn Du nicht mehr weinen kannſt, wenn Du Dein betäubtes Herz erſtorben wähnſt, wenn Du Deine Kraft nur in Gott haſt, Deine Blicke ſich nur dem Himmel zuwenden, mein Sohn, legen wir alle dieſe Worte beiſeit, die für den Sinn zu beſchränkt ſind, den unſere Seele ihnen giebt. Maximilian, Du biſt getröſtet, klage nicht mehr!

Graf, ſagte Morrel mit ſeiner zugleich ſanften und feſten Stimme,hören Sie mich, wie man einen Mann hört, der mit der Hand nach der Erde und mit dem Auge gen Himmel blickt, ich bin zu Ihnen gekommen, um in den Armen eines Freundes zu ſterben. ich liebe Manchen, ich liebe meine Schweſter Julie und meinen Schwager Emanuel, aber ich ſehnte mich darnach, daß ſich mir in meinen letzten Augenblicken ſtarke Arme öffnen, und man mir zulächelt. Julie würde in Thränen zerfließen und ohnmächtig werden, Emanuel würde mir die Waffe entreißen, und das Haus mit ſeinem Geſchrei erfüllen. Sie, Graf, deſſen Wort ich habe, der Sie mehr als ein Mann ſind denn wären Sie nicht ſterblich, würde ich Sie einen Gott nennen Sie, o nicht wahr, Sie wer⸗ den mich ſanft und zärtlich an die Pforten des Todes führen?

Freund, ſprach der Graf,es bleibt mir noch ein Zweifel, ſollteſt Du ſo wenig Kraft haben, daß Du Deinen Stolz darin findeſt, Deinen Schmerz zu zeigen?

Nein, ſprach Morrel,ich bin wahr, fühlen Sie meinen Puls, er ſchlägt ruhig wie immer. Nein, ich fühle mein Ziel nahe, und gehe nicht weiter. Sie haben mir geſagt, ich ſoll warten und hoffen; wiſſen Sie, was Sie gethan haben, Sie unglücklicher Wei⸗ ſer? Ich habe einen Monat gewartet, das heißt, ich habe einen Monat gelitten! Ich habe gehofft,(der Menſch iſt ein armes er⸗ bärmliches Geſchöpf,) ich habe gehofft, was? ich weiß es nicht... etwas Unbekanntes... Unſinniges, ein Wunder!.. Welches? Gott allein kann es ſagen, der unſrer Vernunft dieſes Theilchen Wahnſinn beigemiſcht hat, das wir Menſchen Hoffnung nennen. Ja, ich habe gewartet, Graf, ja, ich habe gehofft, und ſeit der Viertelſtuude, die wir hier ſprechen, haben Sie, ohne es zu wiſſen, mir hundertmal das Herz gebrochen, mich namenloſen Qualen über⸗ liefert, denn jedes ihrer Worte hat mir bewieſen, daß jede Hoffnung

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