1408
Reiſewagen, die Pferde waren friſch, und der Banquier ſetzte ſich zur Ruhe zurecht.
Erſt dachte er zehn Minuten an ſeine in Paris gebliebene Frau, dann zehn Minuten an ſeine Tochter, die mit Fräulein von Armilly die Welt durchſtreifte, wieder zehn andere Minuten an ſeine Gläubiger und die Art, wie er ſie um ihr Geld geprellt, dann, als er nichts mehr zu denken hatte, ſchloß er die Augen und ſchlief ein.
Zuweilen durch einen heftigen Stoß geſchüttelt, öffnete er die Augen wieder, aber er ſah dann, daß es ſtets mit derſelben Schnelligkeit weiter ging, immer noch durch die mit zerbrochnen Waſſerleitungen durchſäete Campagna romana, die ihm, in der Mitte ihres Laufs verſteinerte Rieſen zu ſein ſchienen. Aber die Nacht war kalt, finſter und regnigt und es war viel geſcheidter für Danglars, zu ſchlafen, als den Kopf aus dem Fenſter zu ſtecken, um den Poſtillon nach dem Wege zu fragen, der doch nichts weiter antworten konnte, als: Non capisco!(Verſtehe nicht.)
Plötzlich hielt der Wagen. Danglars glaubte am erſehnten Ziele zu ſein, öffnete die Augen und ſah durch die Scheibe, denn er erwartete ſich mitten in einer Stadt oder wenigſtens in einem Dorfe zu befinden, aber er ſah nichts als ein einzeln ſtehendes Ge⸗ mäuer, und drei oder vier Männer, die Schatten gleich, gingen und kamen.
Danglars wartete, daß der Poſtillon kommen und ſeine Be⸗ zahlung fordern werde, er hoffte von ſeinem neuen Führer vielleicht zu erfahren, wo er ſei; aber die Pferde wurden abgeſpannt und neue an ihre Stelle gebracht, ohne daß Jemand Geld von dem Reiſenden verlangte. Der Banquier öffnete erſtaunt das Fenſter, aber eine kräftige Hand ſtieß ihn zurück, der Wagen rollte weiter.
Der Baron war erſt ſehr beſtürzt, faßte ſich jedoch bald.
„He,“ ſagte er zum Poſtillon,„he, mio caro!“
Dieſe beiden Worte hatte er von den Romanzen aufgeſchnappt und behalten, die ſeine Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti ſang.
Aber mio caro antwortete nicht....
Danglars öffnete das Fenſter.
„He, Freund, wo ſind wir?“ rief er, den Kopf durch die
Oeffnung ſteckend.
„Dentro la testa!“ rief, von einer drohenden Bewegung be⸗ gleitet, eine ernſte befehlende Stimme.
Der Baron begriff, daß Dentro la testa ſagen wolle: ziehe den Kopf zurück. Er machte, wie man ſieht, ſchnelle Fortſchritte im Italieniſchen.
Er gehorchte, nicht ohne Unruhe, und da dieſelbe ſich von Minute zu Minute vermehrte, war ſein Geiſt nach einigen Minu⸗ ten ſtatt der vorigen Leere, die ihn eingeſchläfert hatte, mit einer Menge von Gedanken erfüllt, die wohl im Stande waren, einen


