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„Da haſt Du es und laß uns zufrieden,“ ſagte Frau von Villefort, gab ihrem Sohne das Album und führte ihn hinaus.
Der Graf folgte Frau von Villefort mit den Augen.
„Ob ſie wohl die Thür hinter ihm verſchließen wird?“ mur⸗ melte er.
Frau von Villefort verſchloß ſorgfältig die Thür hinter dem Kinde, der Graf ſchien es nicht zu bemerken. Dann warf die junge Frau noch einen ſpähenden Zlick um ſich her und ſetzte ſich wieder zu dem Grafen.
„Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau,“ meinte der Graf,„daß Sie ſehr ſtreng gegen den reizenden Kleinen ſind.“
„Ich muß es wohl, Herr Graf,“ antwortete Frau von Villefort mit allem Gewichte mütterlicher Würde.
„Er citirte ſeinen Cornelius Nepos, indem er vom König Mithridates ſprach,“ bemerkte der Graf,„und Sie unterbrachen ihn in ſeiner Citation, welche bewies, daß ſein Lehrer ſeine Zeit bei ihm nicht verloren hat und daß Ihr Sohn für ſein Alter ſchon weit vorgerückt iſt.“
„Er hat viel Faſſungskraft, Herr Graf, und lernt Alles, was er will,“ entgegnete die Mutter, ſüß geſchmeichelt.„Er hat nur Einen Fehler, nämlich den, zu eigenwillig zu ſein; aber darauf zurück⸗ zukommen, was er anführte, glauben Sie wirklich, Herr Graf, daß Mithridates Gegengift gebrauchte und daß daſſelbe wirkſam ſein kann?“
„Ich glaube ſo ſehr daran, gnädige Frau, daß ich mich in Neapel, Palermo und Smyrna, um nicht vergiftet zu werden, deſſen bedient habe, das heißt bei drei Gelegenheiten, wo ich ohne dieſe Vorſicht hätte um's Leben kommen können.“
„Und das Mittel half?“
„Vollkommen.“
„Ja, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir ſchon in Perugia etwas Aehnliches erzählten.“
„Wirklich!“ ſprach der Graf mit bewunderungswürdig geſpielter Ueberraſchung;„ich entſinne mich deſſen nicht mehr.“
„Ich fragte Sie, ob die Gifte von gleicher Wirkfamkeit auf die Nordländer wie auf die Südländer wären, und Sie antworteten mir, daß die kalten, lymphatiſchen Temperamente der Nordländer


