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„Sehen Sie, ſehen Sie,“ fuhr der Graf fort, jeden der beiden jungen Leute bei der Hand ergreifend;„ſehen Sie, denn bei meiner Seele, es iſt merkwürdig: da iſt ein Mann, der in ſein Schickſal ergeben war, der willenlos zum Schaffot ging, wie ein Feiger zwar, das iſt wahr, aber doch ohne Widerrede und Widerſetzlichkeit. Wiſſen Sie, was ihm dazu Kraft gab? ihn tröſtete? wiſſen Sie, was ihm Geduld gab? Daß ein Anderer ſeine Todesangſt theilte, daß ein Anderer wie er, ja vor ihm ſterben ſollte. Führen Sie zwei Schafe zur Schlachtbank, zwei Ochſen unter das Beil, und machen Sie einem davon begreiflich, daß ſein Gefährte nicht ſterben wird; das Schaf wird vor Freude blöken, der Ochſe vor Vergnügen brüllen. Aber der Menſch! der Menſch, den Gott zu ſeinem Eben⸗ bilde geſchaffen hat, der Menſch, dem Gott als höchſtes, einziges Geſetz geſagt hat: Liebe Deinen Nächſten, der Menſch, dem Gott eine Stimme gegeben hat, um ſeine Gedanken auszudrücken....
was wird ſein erſtes Wort ſein, wenn er hört, daß einer ſeiner
Kameraden in Freiheit geſetzt wird? eine Läſterung. Das iſt der Menſch, das Meiſterſtück der Natur, der König der Schöpfung!“
Und der Graf brach in ein lautes Gelächter aus, aber in ein entſetzliches Gelächter, welches anzeigte, daß er ſchrecklich gelitten haben mußte, um dahin zu kommen.
Indeſſen währte der ſcheußliche Kampf fort. Die beiden Henkersknechte trugen Andrea auf das Schaffot; das ganze Volk war gegen ihn erbittert und zwanzigtauſend Stimmen riefen zu
gleicher Zeit:„Zum Tode! zum Tode!“ Franz bog ſich zurück, 9
aber der Graf hielt ſeinen Arm feſt und zog ihn wieder zum Fenſter.
„Was machen Sie denn?“ ſagte er;„Mitleid! das wäre meiner Treu ſehr übel angebracht! Wenn Sie rufen hörten:„Ein toller Hund!“ würden Sie Ihr Gewehr nehmen, auf die Straße ſtürzen und das arme Thier ohne Mitleid mit ſicherm Schuß tödten, das am Ende keine Schuld weiter hätte, als von einem gebiſſen zu ſein und nun wieder zu thun, wie ihm gethan; und mit dieſem Menſchen haben Sie Mitleid, den kein anderer Menſch gebiſſen, der dagegen ſeinen Wohlthäter ermordet hat und der jetzt, da er mit gebundenen
Faänden nicht mehr tödten kann, mit aller Gewalt ſeinen Unglücks⸗
gefährten tödten ſehen will? Nein, nein, ſehen Sie, ſehen Sie.“


