Teil eines Werkes 
1 (1870)
Entstehung
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Aber wie die Seele in großen Schmerzen, gleich der Luft in großen Stürmen, plötzlich zu einer andern Temperatur überzugehen pflegt, ſo ſchreckte Dantes vor einer ſolchen That, wie vor ſolch einem beſchimpfenden Tode plötzlich zurück und ging von dieſer Ver⸗ zweiflung in einen glühenden Durſt nach Leben und Freiheit über.

„Sterben? O, nein!“ rief er;„es lohnte nicht der Mühe, ſo lange gelebt, ſo viel gelitten zu haben, um jetzt ſchon zu ſterben. Sterben, das wäre damals, vor vielen Jahren, als ich es beſchloſſen hatte, paſſend geweſen, aber es jetzt noch wollen, hieße, mich zu ſehr meinem kläglichen Geſchicke beugen. Nein, ich will leben, will kämpfen bis an's Ziel; ich will das Glück, um das man mich be⸗ trogen hat, wieder erringen. Habe ich nicht meine Henker zu be⸗ ſtrafen, ehe ich ſterbe? und nicht auch vielleicht... einige Freunde zu belohnen? aber jetzt werde ich hier vergeſſen werden und nicht anders als auf die Art, wie Faria jetzt, dereinſt meinen Kerker ver⸗ laſſen.“ Bei dieſen Worten fuhr Edmond zuſammen und ſtarrte vor ſich hin, rieb ſich die Stirn, wie um ein Blendwerk zu ver⸗ treiben, lief einige Male in dem Gemache umher und blieb dann wieder an dem Bette ſtehen....„O! o!“ murmelte er,„wer ſendet mir dieſen Einfall? Biſt Du es, mein Gott? Weil nur die Todten ungehindert hier fortkommen, nehmen wir die Stelle der Todten ein!“

Und ohne ſich die Zeit zu langer Ueberlegung zu nehmen, wie um ſeinem Geiſte nicht Zeit zu laſſen, den gefaßten Entſchluß zu verwerfen, neigte er ſich zu dem abſcheulichen Sacke, öffnete ihn mit Faria's Meſſer, nahm den Körper heraus, ſchleppte ihn durch den unterirdiſchen Gang in ſeinen Kerker, legte ihn in ſein eigenes Bett, band ihm den leinenen Lappen, mit dem er ſich den Kopf zu be⸗ decken pflegte, um den Kopf, umhüllte ihn mit ſeiner Decke, drückte einen letzten Kuß auf dieſe eiſige Stirn, verſuchte vergebens, die Augen zu ſchließen, und drehte den Kopf nach der Wand, damit der Kerkermeiſter, wenn er käme, um das Abendeſſen zu bringen, ihn ſchlafend glauben möge, wie er ſich ſchon oft geſtellt hatte. Dann ſchlüpfte er in die Galerie, zog mit vieler Mühe das Bett an die Wand, eilte in Faria's Gemach, nahm aus dem Behältniſſe im Kamine die Nadel, die Fäden, warf ſeine Lumpen ab, damit man unter dem Sacke das nackte Fleiſch fühlen möge, kroch in den Sack, nahm die Stellung ein, die der Leichnam gehabt hatte, und

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