Teil eines Werkes 
3. Bd. (1876)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

yy

188

Darnach wären wir alle Heuchler! lehnte ſich Seibold gegen dieſe mit bitterem Sarkasmus vorge⸗ brachten Erklärungen auf.

Wenn Sie es ſo ſtreng nennen wollen, gab der Graf achſelzuckend zu.Aber warum ſo unangenehme Namen brauchen? Man hat ſich ja ein ſo wohl⸗ klingendes Schema zurechtgemacht, lauter Larven für das Eine, das ſchließlich und im innerſten Kern Allem zu Grunde liegt: den Egoismus. Hört ſich Tugend nicht beſſer an als Furcht, Feigheit, Bequem⸗ lichkeit, Blutarmuth, die in ihrem Zuſammenwirken das eigene Selbſt verleugnen? Was iſt die Würde anders als die lächerliche und darum, weil ſie der Menge imponirt, nicht minder lächerliche Larve der Beſchränkheit und Selbſtüberſchätzung, die den Mo⸗ ment in der Ewigkeit für einen Zeitabſchnitt und die Monade für einen wichtigen Theil der Allwelt nimmt? Beſcheidenheit nennt ſich die träge Schwäche und Zag⸗ haftigkeit, wo nicht die Berechnung; Heldenmuth der Ehrgeiz oder die Grauſamkeit oder die Todesverachtung der Verzweiflung; von Freundſchaft und Liebe laſſen Sie mich füglich ſchweigen. Alles iſt Larve, die nur ſo lange getragen wird, als ſie dem Zwecke entſpricht, und mit einer andern vertauſcht, wenn dies nicht mehr der Fall und ſie nicht mittlerweile, wie es wohl häufig