gelähmt. Da ſprach Ernſt ſo herzlich, ſo ernſthaft und ſo voll inniger Zärtlichkeit zu mir, daß er mein Herz an ſich zog, meine Hand ſich, wiewohl zitternd, in ſeine aus⸗
„geſtreckte Hand legte und ich beinahe unbewußt eingewilligt
hatte, an ſeiner Seite durchs Leben zu wandern. Ich hatte eben mein neunzehntes Jahr zurückgelegt. Meine guten Eltern billigten die Verbindung ihrer Tochter mit einem ſo allgemein angeſehenen und geachteten Mann, von dem man prophezeite, er werde einſt die höchſten Stufen des Staates erklimmen, und Ernſt, deſſen Natur immer raſch voran will, betrieb die Sache ſo, daß bald darauf unſre Hochzeit gefeiert wurde.
Mehrere meiner Verwandten meinten indeß, ich habe mich durch dieſe Verbindung etwas herabgegeben. Ich war der entgegengeſetzten Anſicht. Ich war von vornehmer Geburt, hatte nicht unbedeutende Familienverbindungen, war in einem glänzenden Kreiſe, ſo wie in allen ober⸗ flächlichen Talenten des Tages, in Ueberfluß und in Sorg⸗ loſigkeit auferzogen. Er dagegen war ein Mann, der ſich ſelbſt ſeinen Weg gebahnt, der unter redlichen An⸗ ſtrengungen und vielen Aufopferungen ſein väterliches Haus aus ſeinem geſunkenen Zuſtande aufgerichtet und die Zukunft ſeiner Mutter, ſowie ſeiner Schweſtern geſi⸗ chert hatte. Er war ein ſelbſtſtändiger, klarer und guter Mann— ja gut, das erkannte ich immer mehr, jemehr ich durch die mitunter etwas harte Schale zu dem Kern ſeines Weſens drang;— ich fühlte mich ſehr gering ne⸗
ben ihm.
Das erſte Jahr meiner Ehe verbrachte ich, wie man es von meinem Manne verlangt hatte, im elterlichen Hauſe und hätte ich ſeine Ueberlegenheit weniger gefühlt und mehr Gewißheit gehabt, ob ich ihm genüge, ſo hätte Nichts zu meinem Glücke gefehlt. Alle trugen mich auf den Händen und vielleicht kam es daher, daß Ernſt ver⸗ gleichungsweiſe etwas kalt war. Ich war ein von allzu⸗ guten Eltern verzärteltes Kind, war gedankenlos und wehleidig und davon klebt mir leider noch immer etwas
an.
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