Teil eines Werkes 
5. Bd. (1871)
Entstehung
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ihm jetzt mit einem Male ein. Er blickte in die Höhe, da hing der heilige Zweig und unmittelbar unter dem⸗ ſelben ſtand Lizzie. Sein Arm umſchlang ſie, ſeine Linke löſte die Binde und raſch entſchloſſen küßte er innig und warm die feuchten, ſchwellenden Lippen.

Lizzie ſtand wie verſteinert, ſie glühte über und über und mitten im Scherzen und Lachen ringsum fragte Gerhard leiſe:

Sie zürnen mir doch nicht, Lizzie?

Eine kleine Pauſe verging, dann ſchlug ſie das feuchtgewordene Auge zu ihm auf, es war ein unend⸗ lich liebliches Lächeln, das nun um ihren Mund ſpielte und den raſchen ſchelmiſchen Blick begleitete.

Diesmal waren Sie ja im Recht, verſetzte ſie. Kein Anderer als Gerhard hatte ſie verſtanden und ſchon war ſie davongehuſcht. Er ſah ihr nach. Da war Alles Natürlichkeit und kerngeſunde Friſche, keine ſchmach⸗ tende Demuth, keine erkünſtelte Sentimentalität, freudi⸗ ges, unverkümmertes Leben.

Und wahrlich, wie konnte es nur ſeinem Gedächt⸗ niſſe entſchwinden? Sie hatte ihn daran gemahnt: es war ja nicht der erſte Kuß geweſen. Er ſah ihr nach ſo traumhaft und ſelbſtvergeſſen, daß er erſt gemahnt werden mußte an die Binde, die er in Händen hielt und ſich nun ſelbſt über die Augen legen ſollte.

VV