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ſtand mit ihren Freunden am offenen Fenſter und lauſchte dieſem Grabesliede einer alten Monarchie, erwartungsvoll, was der kommende Morgen bringen werde. Die ganze Nacht verging in athemloſer Spannung. Früh um 7 Uhr endlich miſchte ſich der Donner der Kanonen in der Glocken dumpfen Schall. Flüchtig eilte das Volk durch die Straßen. Von Viertelſtunde zu Viertelſtunde brachte man Nachricht über den Fortgang der Inſurrection. Die Tuilerien waren umzingelt, die Wachen ergriffen und ermordet.
Bei dieſer Nachricht befahl Frau von Staöl ſogleich ihren Wagen. Ihrer Freunde viele, unter ihnen Herr von Narbonne, waren dort aufgeſtellt, ſie mußte ſich nach ihrem Schickſal umſehen. Als ſie an die Brücke kam, hielt man ihren Kutſcher an, und machte ihn aufmerkſam, daß jenſeits gemordet werde. Zwei Stunden vergingen in nutzloſem Bemühen vorzudringen. Endlich wurde ihr mitgetheilt, daß ihre Freunde gerettet ſeien;— doch hatten ſie ſich verſtecken müſſen.
Als der Abend hereingebrochen war, ſchlich ſie zu Fuß durch die dunkelgewordenen Straßen und ſuchte ſie in ihren Verſtecken auf. Ueberall lagerten trunkene Männer, welche, die Waffen in der Hand, irgend eine Schwelle zum Ruheorte gewählt hatten. Muthig erfüllte ſie die ſich ge⸗ ſetzte Aufgabe, das Auge oft ſchließend vor den Gräueln, welche ihren Weg hemmten.


