Teil eines Werkes 
3. Bd. (1859)
Entstehung
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Henriette Mendelsſohn war jetzt zum katholiſchen Glauben übergetreten; Beweis genug, daß ſie in dem erwählten Berufe ihr Glück nicht fand und es auf andern Wegen ſuchte. La grace viendra, hatte der Prieſter ihr ermuthigend zugerufen, als ſie den alten Glauben abſchwor, ſie vertraute ſeiner Stimme, und trat muthig über; aber, die Gnade kam nicht. Zweifel und Unruhe trieben ſie hin und her. Frau von Stasl hatte ſie lange nicht geſehen und wollte jetzt über dieſen Punkt mit ihr reden. Sie nahm Theil an ihrem Geſchicke. Ihr gutes Herz ertrug es nicht, daß ſie einſam in ſich die Zweifel nähren, bei ihrem ſtillen Wirken innerlich alles Friedens, aller Freude entbehren ſollte und ſie hoffte, daß die offene Mittheilung deſſen, was ſie drückte, ſchon eine Erleichterung für ſie ſein werde. So widmete ſie ihr denn dieſen Abend.

Täglich mehr fühlte Frau von Stasl jetzt das Sinken ihrer Kräfte. Wie ſehr ſie ſich beherrſchte, ſo war dem Willen nicht alles möglich, und wohl mochte ſie dann aus⸗ rufen: Pauvre nature humaine! Wie ſie ſelbſt früher öfter geſagt: man zwinge die Natur, und im Galopp holt ſie uns ein; ſo ging es ihr auch jetzt damit. Es kam die Stunde, wo ſie weichen mußte, wo ſie mit aller Anſtrengung ihre Schwäche weder bekämpfen noch verbergen konnte.

Die Aerzte ſtanden rathlos da. Die warmen Lüfte Piſas hatten keine Linderung gebracht, die geſtörte