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„Wir denken nicht daran, uns von unſerer Tochter zu trennen,“ fiel Madame Necker ein.
„Ich nenne das nicht Trennung, wenn man ſich täglich ſehen kann, und ein ſo nahes bei einander Wohnen wird um ſo leichter für Sie einzurichten ſein, weil Ihre Religion Sie nöthigt, einem jungen Manne den Vorzug zu geben, welcher bemüht iſt, ſich eine Exiſtenz zu gründen; denn bis jetzt iſt noch kein Erbe eines großen Namens zur Lehre Calvin's übergetreten, ſo viel ich weiß.— Doch, Fräulein Necker's ſeltenem Geiſte möchte ein ſolches Wunder zu bewirken vorbehalten ſein, und gern will ich ihr auch den Triumph noch wünſchen.“
„Meine Tochter hat gelernt den Glauben Anderer zu ehren und wird ſich nicht bemühen, uns Proſelhten zu gewinnen; am wenigſten aber unter dem alten Adel Frank⸗ reichs, mit dem ſie zu verbinden weder meines Gatten noch mein Wunſch iſt.“
„So bitte ich um Verzeihung,“ ſagte Madame de Genlis entſchuldigend,„wenn ich Wünſche für Sie gehegt, wie ſie nur an Ihrer Stelle natürlich ſein würden.“
Indem wurde der Wagen gemeldet.
Mit den artigſten Worten ſchieden nun die Damen, Frau von Genlis begleitete ihre Gäſte bis an die äußere Thüre und umarmte hier Beide unter den ſchmeichel⸗ hafteſten Verſicherungen, wie ſehr ihr Beſuch ſie erfreut.


