Teil eines Werkes 
3. Bd. (1860)
Entstehung
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dens die zwölfte Stunde, und ungeachtet der ſpäten Stunde ging es weiter und weiter.

Seine Wächter ſchienen zu ſchlummern. Sollte er den Schlag öffnen und entflichen? Eine Minute lang trat dieſer Gedanke verführeriſch vor ſeine Seele, im zweiten aber ſchon ließ er ihn fallen. Wohin? fragte er ſich, und die Antwort hierauf wurde ihm nicht leicht.

Wozu auch? tröſtete er ſich dann wieder. Der Churfürſt hatte nur ſeiner Briefe habhaft werden wollen; dieſe beſaß er jetzt, und wenn er ſie durchgeſehen, daß er nur im Sinne der Churfürſtin, ſeiner Mutter, gehan⸗ delt, wie konnte er an ihm dann rächen wollen, was eigentlich jene verbrochen.

Auf dieſe Weiſe ſprach er ſich Muth ein und ver⸗ gaß des weiſen Anacharſis Bemerkung über die Athener, welche die kleinen Diebe hängen, die großen aber laufen laſſen.

Langſam zog die Zeit an ihm vorüber. Er glaubte, es müſſe Morgen ſein, und noch hatte man den erſten Hahnenſchrei nicht gehört. Wohin ſie ihn führten, errieth er nicht. Die Dörfer lagen in Dunkelheit begraben, ein kleines Städtchen, das ſie paſſirten, ſah ihm wie Pirna aus. Zu ſprechen, wo er keine Antwort erhielt, war ein eitles Vergnügen. So kühlte er denn ſeinen Unmuth in ſtillen Verwünſchungen ſeines unglücklichen Geſchickes,