Teil eines Werkes 
3. Bd. (1860)
Entstehung
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Man impfte in Sachſen noch nicht. Das Vorurtheil lehnte ſich dagegen auf und die Geiſtlichkeit that das ihrige, es zu beſtärken. Das Publikum, wie immer ein Feind jeder Neuerung, äußerte auch hier ſeine conſer⸗ vative Vorliebe zum Nachtheile der eigenen Geſundheit.

Maria Antonia betrachtete mit melancholiſchem Blicke ihre junge Familie und gedachte dabei des Schick⸗ ſals der Niobe. Ein ſchlimmerer Feind, wie eine erzürnte Göttin, ſtand ja vor ihrer Thüre.

Aus dieſer Stimmung riß ſie ein Brief Friedrich's des Großen. Mit überzeugender Beredſamkeit ſtellte er ihr die Nothwendigkeit vor, den Gang der Wiſſenſchaft nicht durch kleinliche Vorurtheile zu hemmen und durch das eigene Beiſpiel kühn dem Jahrhundert voranzugehen.

So ſchöne Worte ermunterten die Prinzeſſin zu mu⸗ thiger That. Sie ſandte nach ihrem Arzte und hieß ihm in ihrem Beiſein ihren ſechs Kindern die Blattern ein⸗ zuimpfen. Kopfſchüttelnd vollzog er den Befehl.

Wie ein Lauffeuer durchdrang dieſe Nachricht die Reſidenz und erregte die verſchiedenſten Empfindungen. Man lobte, tadelte; man fühlte Mitleid und auch Ent⸗ ſetzen. Der Hof aber wie immer das Echo der Für⸗ ſten folgte dem Beiſpiele. Die Diener der Könige er⸗ lauben ſich kein Urtheil, ſie kennen nur den Gehorſam.

Friedrich II. ſchrieb an Maria Antonia:

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