Mitternacht war nahe. Der Chevalier Melae ver⸗ ſchmähte trotz des ermüdenden Rittes, den er heute im ſchlechten Herbſtwetter gemacht, den Schlaf, und ſaß noch wach und munter in dem kleinen Gemache, das man ihm gaſtfrei im Schloſſe des Herrn von Eſenheim angewieſen. Der junge Mann hatte das Fenſter aufge⸗ ſtoßen und horchte auf das dumpfe Gebraus des Rhein⸗ ſtromes, welcher tief unter ihm floß, und ſah zugleich in das milde Licht des Mondes, der ſchmal und ſichelförmig im letzten Viertel ſich zeigte, und, einem goldenen Kahne gleich, langſam durch das ſtill gewordene, gereinigte Luft⸗ meer dahinfuhr. Beides, das ſanfte Himmelslicht und das geheimnißvolle Lied der Wellen, ſchien dem beweg⸗ ten Gemüth des Einſamen wohl zu thun, und er ver⸗ ſank nach und nach in jenes träumeriſche Sinnen, dem ein gewiſſes Alter ſich ſo gern hingibt, weil es nur ſchwankende, halb erkennbare Bilder darbeut, die dem ungewiſſen Wollen, dem unſichern Hoffen, dem verän⸗ derlichen Begehren ähneln, welche in dieſen Lebensjahren den Uebergang vom Jünglinge zum Manne charakteri⸗ ſiren. Doch mit jeder Minute, in welcher Melae ſich dieſer Träumerei überließ, mit jedem Blick der halb geöffneten Augen auf die im Halblicht der Mondnacht erhellte Gegend außen oder innen auf die Wände und Mobilien des Zimmers verdeutlichten ſich die Gegen⸗ ſtände und Geſtalten ſeiner Phantaſie, und die Erinne⸗
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


