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Ein Erkerzimmer im Hauſe des reichen Fulberts, des geachteten Kanonikus von Paris, umſchloß eine ernſte Geſellſchaft, die aus drei Männern beſtand, deren Na⸗ men die Weltgeſchichte ſämmtlich würdig gefunden, der Nachwelt genannt zu werden, wenn auch jedweden aus gar beſondern Motiven: den wegen ernſter und wahr⸗ haft chriſtlicher Religioſität, den wegen der unbeſtechlichen harten Wahrheit, mit welcher ſein ſcharfer Griffel die Hiſtorie ſeiner Zeitgenoſſen niederſchrieb, und den dritten wegen der roſigen und grauſenvollen Schickſale ſeiner Liebe, die geraubte Seligkeiten mit langer Tantalus⸗ marter büßen ließ, welche ihn jedoch berühmter machte als ſeine beiden Freunde und Schüler in ihrer reinen Hoheit. Das enge, aber recht ſonnenhelle Zimmer, ge⸗ füllt mit den Waffen geiſtiger Kämpfer: einer reichen Bibliothek, Folianten am Boden, mathematiſche Werk⸗ zeuge und Scripturen auf den Tiſchen und in den Fen⸗ ſterbrüſtungen, zeigte den Ernſt der Gelahrtheit; aber gemiſcht zwiſchen dem trockenen, kalten Schimuck fand das Auge Manches, was die Individualität und das geheimere Seelenleben des Beſitzers ausſprach in feinen Ziffern, die damals noch er allein zu leſen verſtand, damals noch kein Verrath befleckt hatte: ſo hing an der ſchmalen Wand zwiſchen den Fenſtern ein ſchönes Gemälde des heiligen Antonius, aber auf demſelben Nagel, der den Heiligen trug, ſchwebte das Segment eines abwelkenden


