Würden Sie fragen, wozu die Zerſplitterung der Kirche in viele Secten in der neuen Welt augenſchein⸗ lich geführt habe, ſo antworte ich: fürs Erſte zu einer großen allgemeinen Kirchlichkeit und einer mächtigen kirchlichen Disciplin. Die Zahl der Kirchen, welche ſtets gut und zierlich gebaut ſind, in den größeren und kleineren Städten, muß jedem Reiſenden in America auffallen. Gewöhnlich findet ſich eine Kirche für tau⸗ ſend Perſonen, manchmal auch für fünfhundert, zuwei⸗ len für noch weniger. Jede kirchliche Geſellſchaft ver⸗ waltet ſich ſelbſt, ſorgt für alle ihre Mitglieder, für ihre Armen und führt eine nützliche Aufſicht über Sitten und Ordnung.
Der Prieſter iſt der ausſchließliche Seelenhirte und befaßt ſich mit nichts Anderem als der Seelſorge, die er in öffentlichen Predigten und in theilnehmenden Ermahnungen an Einzelne beſtehen läßt. Die Ge⸗ meinde, die ihren Prieſter gewählt hat, iſt ihm ge⸗ wöhnlich ſehr ergeben und hält ihn aufrecht, wenn er es verdient. Man hat in Europa viel von der Glücks⸗ ritterei in America geſprochen. Aber ich muß ſagen, daß nach meinen Wahrnehmungen die Prieſter, die großen chriſtlichen Werth und große Selbſtändigkeit beſaßen, von ihren Gemeinden ſtets mit großer Liebe umfaßt und beibehalten, geſchätzt und bis in ihre letz⸗ ten Tage verpflegt worden ſind. Die Prieſter bilden einen Theil der Ariſtokratie Americas, und ich habe unter ihnen die intereſſanteſten und intelligenteſten Per⸗ ſönlichkeiten gefunden.
Liebe anbeten. Die Entwicklung des kirchlichen Lebens in den Vereinigten Staaten geſchieht noch mehr in der Breite, als in der Tiefe und Höhe. Das Frei⸗ heitsmoment herrſcht; aber es ermangelt des poſitiven Juhalts, den er im Lande der Alpen gewonnen hat.


