Als Alles im Hauſe ſtill und alle Töne des Tages verſtummt waren, ſaß ſie auf ihrem Bett in ihrem Stübchen vor des Vaters Studirzimmer und lauſchte auf die unruhigen, heftigen Schläge ihres eigenen Herzens. Ach, es war ſo ſchwül, ſo finſter darin. Roſa ſehnte ſich nach Luft und Licht, nach einer Bruſt, an der ſie weinen, einem Glück, worin ſie Klarheit und Kraft finden könnte.
Warum war ihr Vater gerade jetzt ſo verſchloſ⸗ ſen, ſo kalt gegen ſie geworden? Liebte er ſie nicht, wie ſie ihn liebte? Bedurfte er ihrer nicht, wie ſie ſeiner und ſeiner Zärtlichkeit bedurfte? Ach freilich, er hatte ja in der Hoheit ſeiner Seele, in ſeinen Studien, in ſeiner Arbeit Alles was ihm Noth that. Sie war bloß einer der Gegenſtände ſeiner wohl⸗ thätigen Wirtſamkeit geweſen. Was konnte ſie für ihn fein? Er war ſo gut, ſo weiſe, ſo überlegen. Wie konnte ſie alſo verlangen, etwas mehr für ihn zu ſein, als die alten Weiſen, die er zu ſeiner täg⸗ lichen Geſellſchaft gemacht hatte?„O Vater,“ ſagte ſie in der Bitterkeit ihres liebenden Herzens,„wenn ich einmal eben ſo lange mit den Todten gelebt habe wie Du, ſo werde ich ruhig und kalt ſein wie ſie und Du. Aber jetzt verlange das noch nicht von mir. Ich kann es nicht!“— Und heiße Thrä⸗ nen rollten über ihre Wangen.
Der Mond warf ſeinen klaren, aber kalten Schein über die ſchöne Ruine der St. Nicolauskirche ihrem
Fenſter gegenüber, und Roſa bekem auf einmal Luſt, ihre alte Freundin, die Ruine, noch einmal zu be⸗ ſuchen, um auf ihren Zinnen wie früher ſo oft Er⸗ friſchung und Ruhe zu finden.
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