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Ein Tagebuch : vier Theile / von Friederike Bremer
Entstehung
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mern führte. Als ich kurz darauf ebenfalls hinaufging, traf ich ſie am Fenſter im Corridor ſtehend und gedankenvoll in die vom Mondſchein ſchwach erhellte Nacht hinaus blickend. Da ſie mich nicht zu beachten ſchien, berührte ich leiſe ihren Arm und fragte:„Wo biſt Du nun heimiſch, ſchöne Maske?“—„Wo?“ erwiederte die Circaſſierin mit ſeltſam klingender Stimme:„In der Wüſte, in welcher Johannes ſich von Heuſchrecken nährte und mit Kameel— haar kleidete Ach! wer dort wäre, weit von dieſer Welt, weit von ſich ſelbſt!“—„Flora, Du biſt— ſeltſam,“ wollte ich eben ſagen, als ſie mich unterbrach:„Ja, was bin ich? Ich würde dem danken, der mir ſagen könnte, was ich bin. Was ich war— das weiß ich.“—„Und was warſt Du?“

„Ein Weſen, mit den reichſten, ſchönſten Anlagen begabt, das— doch was hilft es, von dem zu ſprechen, was ich hätte werden können? Was ich werde, das fängt an, mir ziemlich klar zu werden.“

„Gewiß kannſt Du noch werden, was Du willſt,“ ſagte ich.— Ohne auf meine Worte zu achten, führ Flora bitter und gedankenvoll fort:„Haſt Du nie die Sage vom Wehrwolfe gehört? daß Menſchen durch eine böſe Zaubermacht verwandelt wurden und die Natur derer annahmen, die ſie bezauberten?“

„Doch,“ antwortete ich,„aber ich habe auch geleſen, daß, wenn eine liebende Stimme die Bezauberten bei ihrem chriſtlichen Namen ruft, dieſer die Kraft hat, den Zauber zu löſen und die Unglücklichen zu retten.“

„Wer ruft mich ſo? Wer liebt mich ſo?— Nie⸗ mand; Niemand!“ rief Flora aus,„und ich verdiene es nicht. Ich bin— nicht gut! Ich bin— doch gleich⸗ viel, was ich bin: es wird doch Niemand klug daraus. Haſſe mich, ſo ſehr Du kannſt, Sophie: das iſt das Klügſte. Nein, ſiehe nicht ſo tragiſch aus, ich lache doch über mich, Dich, die ganze Welt!“

Und Flora lachte wirklich, aber nicht von Herzen⸗ — Anna war unterdeſſen heraufgekommen.

Friederike Bremer, Tagebuch. 5