In der Morgenſtunde.
Stockholm, den 1. Nov. 18..
„Noch ein Tag, noch ein Wechſel von Licht und Schatten.„Genieße Dein Daſeyn,“ ſprichſt du heilige Morgendämmerung, belebender Blick der Liebe, Licht⸗ ſtrahl aus Gott! Du weckteſt mich noch einmal aus der Nacht, gabſt mir einen Tag, ein neues Daſeyn, eine Spänne Leben. Du blickſt auf mich herab in dieſem Lichte und ſprichſt zu mir:„Folge dem Augenblicke. Er ſtreut im Entfliehen Licht und Blüthen aus; er verbirgt ſich in Wolken, aber nur um heller wieder zu glänzen. Folge ihm, und laß nicht die Schatten Dich finden, ehe Du zu leben angefangen.“
So dachte ich mit einem großen, hingeſchiedenen Geiſte, als ich mit dem Grauen des Tages erwachte und die Strahlen des Lichts in mein Zimmer dringen ſah. Unwillkürlich breitete ich meine Arme nach ihnen aus: ſie waren weder freundlich, noch helle; es waren die neblichten Strahlen eines Novembertags, aber doch Licht von dem Lichte, das meinen Lebenstag beſcheint, und ich grüßte ſie mit Liebe. Möge das Licht meines Lebens⸗ tags wie das Licht des Morgens ein— ſteigendes wer⸗ den! Ob ſeine Strahlen durch Nebel ſcheinen, oder durch klare Luft, gleichviel! wenn nur der Tag zunimmt, wenn nur das Leben hell wird.
Nach zehnjähriger Abweſenheit in der Fremde be⸗ ſuche ich das Haus meiner Jugend wieder, ob auf längere oder kürzere Zeit, mögen die Umſtände be⸗ ſtimmen. Unabhängig durch Vermögen und Stellung kann ich nun, nach langjähriger Gefangenſchaft, die Freiheit genießen und in einem Alter von dreißig Jahren meinem Willen folgen.— Geſtern Abend kam ich hier an, einige


