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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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als unwohl. Wir fuhren unter einem Staubregen mit aufgeſpanntem Schirm im Cabriolet. Ma chère mére empfing uns freundlich, ſchien in⸗ deſſen nicht in der roſenfarbenſten Laune zu ſein. Es waren Fremde beim Eſſen: einige alte Herrn und Damen, die mir äußerſt ſchwerfällig vorkamen. Das Eſſen war prächtig, allein ich vermochte Nichts zu genießen. Gleich nach dem Kaffee ging Bär mit den Herren in's Billardzimmer. Ich blieb zurück bei ma chére mèére, den alten Damen, die meiſtens unter ſich ſprachen und einem gewiſſen Landrichter Hök, einem vieljährigen alten Freund von ma chère mére, der neben ihr ſaß und ſchnupfte. Ma chère mére ſchwieg, legte patience und fah ernſt aus. Ich ſprach hie und da ein Wort, wurde aber immer ſchweigſamer, denn der Kopf that mir weh, der Regen ſchlug an die Fenſter und die Wahrheit zu ſagen, ich war mißvergnügt über Bär, der nach meiner Anſicht in dem langen Nachmittag wohl ein wenig nach ſeinem Weibchen hätte ſehen können, und ſich nicht ganz und gar ſeinen alten garſtigen Junggeſellengewohnheiten, dem Billardſpielen, dem Rauchen und Trinken hätte überlaſſen ſollen. In dieſer trüben Stimmung ver⸗ ging der Nachmittag. Um die Theezeit bat mich ma chère mère, ein Bischen Muſik zu machen. Ich ſetzte mich an's Klavier, präludirte und fing an das ſchöne Lied von der Jugend zu ſingen. Allein Hitze, Kopfweh und Mißmuth hatten mich gänzlich verſtimmt. Ich ſang zuerſt zitternd, dann falſch, endlich verlor ich ganz und gar das Concept bei einem Stücke, das ich ſchon hun⸗ dertmal geſungen hatte. Es war todesſtill im Zimmer, und ich ſtand im Begriff zu weinen, doch wollte ich in meinem Alter nicht ſo kindiſch erſcheinen. Ich griff ein paar Schlußakkorde und verließ das Piano mit einer Entſchuldigung und ein paar Worten über mein Kopf⸗ weh. Jetzt erwies ſich ma chére mère herzlich gut gegen mich, faß zu mir auf den Sopha, ließ mir eine große Taſſe ſtarken Thee geben und mich ganz,