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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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meine Brüder und führte Wohlſtand in das früher ſo arme Haus. Sollte ich ihn nicht lieben und nach beſten Kräften glücklich zu machen ſuchen? Ach ja, das will, das werde ich; bei ſeinen Tugenden und ſeinen Un⸗ tugenden, im Scherz und im Ernſt, im Guten und im Böſen will ich ihn glücklich machen, und eine Stimme in mir ſagt, daß es mir gelingen wird.

Dienſiag Morgen den 3. Juni.

Wir arme Menſchen! was ſind unſere guten Vor⸗ ſätze, wenn wir nicht Macht über uns ſelbſt haben? Vor⸗ geſtern ſaß ich da und rühmte mich, wie glücklich ich meinen Mann machen wolle; geſtern zu meiner eigenen Strafe will ich Dir Alles erzäblen. Ich verſetze mich in den vorgeſtrigen Abend zurück, wo ich mit mir ſelbſt ſo zufrieden war. Bär war damals auf einem Krankenbeſuch in der Nachbarſchaft und ich ſchrieb; als er zurückkam, ſchrieb ich nicht mehr, ſondern unterhielt mich mit ihm in Ernſt und Scherz; wir trafen ver⸗ ſchiedene kleine häusliche Anordnungen, und in Ernſt und Scherz wurde der Contract während des Rauchens aufgeſetzt und unterſchrieben; ſo weit ging Alles gut und ſo ging der Tag zu Ende.

Am andern Tag, alſo geſtern, ſollten wir bei ma chère mére zu Mittag eſſen. Ich hatte ein wenig Kopf⸗ weh und wie ich auch die Haube ſetzte und die Locken ordnete, ſie paßten nicht, und es kam mir vor, als ſähe ich alt und zuſammengefallen aus. Bär dachte, glaubte ich, auch ſo, wiewohl er mich anſah, ohne ein Wort zu ſprechen. Dieß machte mich muthlos; ich fürchtete, ma chère meère nicht gefallen zu können, und doch wußte ich wohl, wie ſehr Bär dieß wünſchte. Das Wetter war unangenehm und kalt, ich hatte eine gewaltige Luſt, daheim zu bleiben. Als ich aber nur eine kleine An⸗ ſpielung in dieſer Richtung machte, ſchnitt Bär eine ſo ſchreckliche Grimaſſe, daß ich ſogleich von allen Ver⸗ ſuchen abſtand. Ich war überdieß mehr mißgelaunt,

Bremer, die Nachbarn. 2