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Die Nachbarn : Skizze aus dem Alltagsleben / von Friederike Bremer
Entstehung
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Du fragſt, ob ich Liebe, wirkliche Liebe für ihn habe, und gibſt mir halb im Ernſt, halb im Scherz höchſt wunderliche Zeichen an, worin ich dieß prüfen könne. Ob ich eine unerträgliche Leere empfinde, wenn er fort iſt? Ob ich, wie Frau L., bleich und befangen werde, wenn er in eine Geſellſchaft komme, in der ich mich vorher befinde? Ob er irgend einen Fehler, irgend eine Untugend habe, die mir bei einem Andern unangenehm wäre, bei ihm aber gefalle? Nein, Marie, von all dieſen Empfindungen weiß ich Nichts. Liebe Marieſiehſt du er gefiel mir, ich fand ihn angenehm, ſonſt hätte ich ihn nicht geheirathet; aber Liebe hm Zuerſt und vor Allem iſt er weit älter als ich. Er iſt nahe an den Fünfzigen und ich habe noch drei Jahre zu dreißig. Dann iſt er lange Junggeſell geweſen; er hat ſeine guten und üblen Ge⸗ wohnheiten und letztere finde ich ganz und gar nicht ſchön. Indeß ſollen ſie unſer häusliches Glück nicht ſtören, das habe ich mir vorgenommen. An einige von ihnen werde ich mich gewöhnen, andere aber werde ich ibm abgewöhnen. Zum Betſpiel erſtens hat er die Gewohnheit, überall hinzuſpucken, ſowohl auf ſchöne Tep⸗ piche, als auf den grauen Boden. Das ſoll er ſich ab⸗ gewöhnen, aber er ſoll in alle Zimmer Spucknäpfe be⸗ kommen. Zweitens raucht er viel Tabak. Daran werde ich mich gewöhnén, denn ich weiß, wie nothwendig und lieb die Pfeife demjenigen iſt, der ſie lange als Geſellſchafterin auf dem Lebenswege gehabt hat. Uebri⸗ gens wollen wir einen Contract folgenden Inhalts mit einander abſchließen; ich werde gerne die brennende Pfeife ſehen, aber nur ſelten im Geſellſchaftszimmer und nie⸗ mals im Schlafzimmer. Bär kann ja auf ſeiner eige⸗ nen Stube und im Saale nach Herzensluſt dampfen. Drittens hat Bär die wunderliche Gewohnheit, wäh⸗ rend er ſchweigt, die furchtbarſten Grimaſſen theils zu ſeinen eigenen Gedanken, theils zu den Worten Anderer zu ſchneiden. Auch in dieſer Beziehung werden wir