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irdiſchen Pilgerfahrt ebenfalls auf der Sonnenſeite begegnen möchte. Wenn man ihn nach den Jahren ſchätzte, ſo war er über die Fünfzig hinaus. Beurtheilte man ihn nach ſeinem allezeit leichten Herzen, nach ſeinem ſtarken Körper und ſeiner Lebensluſt, ſo war er eigentlich nicht älter als die meiſten Männer, die erſt über die Dreißig hinaus ſind.
— Thomas! rief Mr. Vanſtone und nahm ſeinen alten Filzhut und ſeinen dicken Ausgeheſtock von dem Tiſche in der Flur. Das Frühſtück heute um Zehn. Die jungen Damen werden nach dem Concert von geſtern Abend ſchwer⸗ lich früher herunterkommen.— Uebrigens wie gefiel denn Dir das Concert, Dir ſelbſt, he? Du meinſt, es war „groß?“ Ganz recht. Das war es. Nichts als Getöſe abwechſelnd mit Gelärm; all die Frauen herausgeputzt, wie es nur menſchenmöglich warz erſtickende Hitze, blenden⸗ des Gaslicht und nirgend mehr Platz für einen Menſchen! Ja, ja, Thomas,„groß“ iſt das rechte Wort für das Alles, angenehm und gemüthlich gewiß nicht.— Nach dieſem Bekenntniß ſeiner Meinung pfiff Mr. Vanſtone ſeinem Dachsköter, ſchwenkte den Stock in der Haus⸗ thür in luſtiger Verachtung des Regens und machte ſich durch Wind und Wetter auf, um ſeinen Morgenſpaziergang anzutreten.
Die Zeiger, die unvermerkt ihren ſtetigen Weg um das Zifferblatt der Uhr beſchrieben, zeigten nun auf zehn Minuten vor Neun. Ein anderes Mitglied der Familie wurde jetzt auf der Treppe ſichtbar, Miſs Garth, die Gouvernante.
Einem aufmerkſamen Auge konnte es nimmermehr ent⸗ gehen, daß ſie eine Dame aus dem Norden war. Ihre hartgezeichnete Phyſiognomie, die männliche Gewandtheit und Beſtimmtheit in allen ihren Bewegungen; ihre fort⸗ währende Ehrbarkeit in Blick und Haltung: Alles verrieth
ihre Abſtammung und Erziehung an der Nordgrenze. Ob⸗
ſchon wenig älter als vierzig Jahre hatte ſie doch ſchon ganz weißes Haar und trug über demſelben die ſchlichte Haube einer alten Frau. Weder ihr Haar noch ihr Kopf⸗
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