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Wuͤſte— und aus den Roſenblättern, die in unſe⸗ rer Hand verwelkten, wird ein heilender Balſam bereitet.
Ein gewiſſes Gefuͤhl der ueberſaͤttigung, der Eitelkeit menſchlicher Genuͤſſe, des labor ineptiarum, der Nichtigkeit des gewoͤhnlichen Treibens, bildet oft die beſte Vorbereitung zu jener nuͤchternen, aber erhabenen Anſicht der Zwecke des Lebens, welche die Philoſophie iſt. So wie Viele das Krankenlager ge⸗
ſegnet haben, auf dem ſie Muße hatten, ihr fruͤhe⸗
res Daſein zu uͤberblicken, und eine verbeſſerte Karte fuͤr ihre fernere Reiſe zu entwerfen— ſo gibt es auch eine gewiſſe Krankheit des Geiſtes, in der die Erſchoͤpfung ſelbſt wohlthaͤtig wirkt, und aus den Leiden und der Langenweile bildet ſich die Saat fuͤr unſere moraliſche Wiedergeburt. Vieles, was in der Moral weniger einſeitig iſt, vieles Zarte und Tiefe in der Poeſie kam aus einem uͤberſaͤttigten Geiſte. Die Enttäuſchungen eines warmen und be⸗ geiſterten Herzens ſind ſehr belehrend. So wie die erſten Bekehrten des Chriſtenthums unter den Un⸗ glͤcklichen und Irrenden waren— ſo ſind vielleicht
diejenigen Menſchen, welche am meiſten die Irrwege
der menſchlichen Natur kennen gelernt haben, auch fur ein geiſtiges Streben mehr vorbereitet. Gegen den einen Fauſt, der den boͤſen Feind zum Gefaͤhrten waͤhlte, finden ſich Tauſende, mit Engeln Um⸗ Jang haben.


