heißt ja Emil Martin. Von heut an wollen wir ihn immer Bruder Martin heißen.“
Roland fragte:
„Warum mußt Du denn morgen ſchon fort?“
„Warum mußt Du denn hier bleiben?“ entgegnete Lilian.
„Ich muß bei meinen Eltern bleiben.“
„Und ich bei den meinen.— Ach, Du haſt ja ſchon einen Bart,“ rief Lilian plötzlich und zupfte Roland am Flaum.
„Das thut weh; Du reißeſt mir ja die paar Haare aus, auf die ich ſtolz bin.“
„So, Du biſt ſtolz darauf?“
Und ſie ſtreichelte ihn und ſprach einen ſogenannten Heil⸗ ſegen dabei, den ſie von Knopf gelernt hatte zum Heilen einer Wunde.
„Wo iſt denn Dein Hund?“ fragte Lilian.
„Er muß mit Erich gegangen ſein. Wo er nur ſein mag?“
Er pfiff laut; Greif kam herbei.
Lilian liebkoſte den Hund, küßte ihn und gab ihm alle guten Worte.
„Ich ſchenke Dir den Hund,“ ſagte Roland.
„Siehſt Du?“ rief Lilian,„er ſchaut Dich und mich ver⸗ wundert an, er merkt, daß er einem Andern übergeben werden ſoll wie ein Sklave. Aber, Roland, ich darf den Hund nicht mit⸗ nehmen, ich darf dem Vater gar nichts davon ſagen. Denk nur die viele Mühe, die wir mit dem Hunde hätten bis nach New⸗ York; behalte Du ihn nur.“
Roland hatte nachdenklich dreingeſtarrt; jetzt fragte er: 5
„Haſt Du ſchon Sklaven geſehen?“
„Nein, ſobald ſie zu uns kommen, ſind ſie es ja nicht mehr. Aber ich habe ſchon Viele geſehen, die es geweſen ſind; Einer iſt ein Freund vom Vater, und der Vater geht Arm in Arm mit ihm über die Straße. Komm her, Greif,“ unterbrach ſie ſich plötzlich,„da haſt Du etwas.“
Sie gab Greif Zuckerbrod zu eſſen, das ſie in der Taſche hatte, der Hund leckte noch lange mit der Zunge ſeine Lefzen
und ſtand da, in die Landſchaft hinausſchauend.
Geraume Zeit ſprach Keines ein Wort; dann fragte Lilian wieder: „Haſt Du auch eine kleine Schweſter?“


