dreißig die proteſtantiſchen Berner in die Waadt eindrangen um an die Stelle des geiſtigen Despotismus den weltlichen zu ſetzen, öffneten auch dem Gefangenen von Chillon ſich die Thü⸗ ren ſeines Gefängniſſes.
In Sinnen verſunken, die ſchönen Augen auf das Schloß gerichtet, gedachte Arabella jenes Gedichts, welches ſie ſo oft ge⸗ leſen hatte.
Mein Haar iſt grat, doch nicht von Jahren,
Nicht eine Nacht
Hat's weiß gemacht,
Wie's Mancher wohl durch Schreck erfahren— citirte ſie leiſe vor ſich hin.
Was aus mir ward in dieſer Gruft—
Mir ward es nie und nimmer klar,
Zuerſt entſchwand mir Licht und Luft.
Und dann das Dunkel gar.
Nicht denken, fühlen konnt' ich— nein!
War unter Steinen ſelbſt ein Stein,
Mir kaum bewußt, was ich empfand,
Ein Fels den Nebel nur umwand.
Denn grau war Alles, leer und bleich,
Der Nacht nicht— noch dem Tage gleich,
Selbſt das mir ſo verhaßte Licht
Der Kerkerhöhle war es nicht;
Nur Leere, die den Raum vernichtet,
Ein Starren, das auf nichts gerichtet,
Nicht Sterne gab's, nicht Erde, Zeit,
Nicht Wechſel, Tugend, Schlechtigkeit,—
Ein ſchweigend Athmen immerdar,
Das weder Tod noch Leben war,
Ein Pfuhl der Trägheit war es blos,
Stumm, ewig licht⸗ und regungslos.“
„Sie citiren Byron!“ ſagte eine leiſe Stimme hinter ihr.
Arabella wandte überraſcht ſich um, ihr Blick fiel auf eine elegante Dame, die ſie ſchon ſeit mehreren Tagen im Speiſeſaal des Hotel d'Angeleterre geſehen hatte.
Es war eine ältere Dame mit leicht ergrautem Haar,„Miß Cleveland“ hatte ſie ihren Namen in das Fremdenbuch einge⸗ ſchrieben, ſie reiſte allein mit einem Diener, und Arabella glaubte bemerkt zu haben, daß ſie ſchon einigemal den Verſuch gemacht hatte, ſich ihr zu nähern, ein Verſuch, der jedesmal an der ſelt⸗ ſam ſchroffen Haltung der Signora Grimaldi ſcheiterte.


