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den. Ich brauche Dir unſern Zuſtand nicht zu ſchildern,
Dein edles und gefühlvolles Herz wird ihn in ſeinem ganzen Herzeleid umfaſſen können. Ich verfiel in eine heftige Krankheit und in größte Todesgefahr. Als ich wieder davon geneſen war, war meine gute Mutter ihrem Gatten ſchon gefolgt. Während meiner Krankheit war es mir verborgen geblieben, wie die abſcheulichſte Rachſucht noch an dem Leichname meines Vaters aus⸗ geübt wurde. O Gott! ich vermag es kaum auszuſpre⸗ chen. Die Ungeheuer ließen den Leichnam meines Vaters nicht einmal im Grabe ruhen; er wurde einbalſamirt und öffentlich an einem Galgen zur Schau geſtellt. Dies iſt es, was meine Seele nie überwinden kann.“
„Meine Erzählung iſt beendigt: nur dies noch: Der Edelmuth, womit Du meinem Bruder, als er vom Pöbel angefallen wurde, beiſtandeſt, und wovon der Knabe noch ſo oft ſprach, hatte meine Seele tief gerührt. Ich wollte Dir dafür meinen Dank bezeugen, doch ohne von Dir gekannt, noch von Jemanden geſehen zu werden. Durch ein Geſchenk wußte ich einen Diener in Deiner Eltern Hauſe zu beſtechen. Das Uebrige weißt Du. Meine Geſchwiſter begaben ſich zu meiner verheiratheten Schwe⸗ ſter, der Frau vo'n Lokorſt, welche ſehr reich war. Ich vermied alle verwandtſchaftlichen Beziehungen, und Rache war das einzige Gefühl, welches mich beherrſchte. Mehrere Male erſchien mir nachher die geheimnißvolle alte Frau, welche ſehr ſcharfſinnig mein Inneres durch⸗ gründet hatte, und warnte mich. Doch ich achtete nicht auf ihre Ermahnungen. Auch ein Zufall brachte mich zum erſten Male mit Stoutenburg in Berührung. Er war verehlicht, aber nicht glücklich. Er wünſchte von ſeiner Gattin geſchieden zu werden, und ſprach nie von Liebe; mit Abſcheu wandte ich mich von ihm ab. Darauf nannte er mir das Wort Rache, uhd ich hörte ihn gern an. Von der Zeit an war ich beſtändig mit ihm in
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