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„Ich war über alle Beſchreibung unglücklich, Eliſe! ich wurde grauſam mißhandelt und verrathen von denen, worauf ich alle meine Hoffnung auf die Zukunft geſetzt hatte. Ich konnte nicht länger Menſchen vertrauen, und — der Himmel verzeihe es mir!— ich hatte ſelbſt das Vertrauen auf Gott verloren.“
„O, das iſt fürchterlich!“— ſagte Eliſe mit dem tiefſten Ausdruck des Mitleids—„das iſt wahrlich der beklagenswürdigſte Zuſtand, den man ſich nur denken fann. Das Vertrauen auf Gott zu verlieren, wie war das möglich, mein Freund? Wenn die Menſchen Dich betrogen und in das Unglück ſtürzten, bei wem hätteſt Du da anders Zuflucht nehmen können, als bei dem gütigen himmliſchen Vater?— Doch auch jetzt noch biſt Du oft ſo wüſt, ſo ungeſtüm in Deinen Handlungen, daß Du mir dadurch oft ein inneres Schaudern ein⸗ jagſt.“
„Das habe ich nie gewollt, liebes Mädchen! ver⸗ zeihe es mir, ich bitte Dich darum. Du mußt ein wenig Geduld mit mir haben; ich habe ſo viel gelitten, bin ſo lange Zeit als das unglücklichſte Weſen in der Schöpfung herumgeirtt, daß man ſich nicht wundern darf, wenn ich noch zuweilen durch die Erinnerung an die traurige Vergangenheit von wilden und ſchmerzlichen Gefühlen überwältigt werde; doch ſie ſind ſchnell vorübereilend. Richte dann nur den freundlichen Blick Deiner Augen auf mich; laß mich nur kurze Zeit in das klare Auge ſchauen, worin ich Mitleiden und Liebe leſe, und ein jeder Schein der Verſtörtheit wird aus meinem Antlitz verſchwinden, und die ſeligſte Ruhe in meine Seele zurückkehren.“
„Ja, aber...“ erwiederte Eliſe nach einer kurzen Pauſe, während welcher ſie über etwas Wichtiges nach⸗ zudenken ſchien—„ich mag unſer Verhältniß meinem Vater nicht länger verſchweigen; ſchon hab' ich mich


