Teil eines Werkes 
2. Theil (4. - 6. Buch) (1844)
Entstehung
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Sechstes Buch: Johanna Seymonr.

bar war und von dem er das Zeichen erwartete, und dann

verſuchte er den fernen Horizont zu durchdringen. Allein er konnte nichts unterſcheiden. Eine Wolke eilte über die lächelnde Gegend vorüber. Zu gleicher Zeit war Heinrichs Einbildungskraft ſo mächtig erregt, daß er das im Tower aufzuführende ſchreckliche Trauerſpiel ſehen zu können glaubte.

Jetzt tritt ſie auf den Raſenplatz vor der St. Peters⸗

kapelle hinaus, ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt.Ich ſehe ſie

ſo deutlich, als ob ich dabei wäre. Ah! wie ſchön ſie aus⸗ ſieht und wie ſie alle Herzen zum Mitleiden rührt. Suffolk, Richmond, Cromwell und der Lord⸗Mayor nehmen ſie in Empfang. Sie nimmt von ihren weinenden Dienern Abſchied, ſie betritt feſten Schrittes das Schaffot, fie blickt umher und redet die Zuſchauer an. Wie ſie ſtill ſind und wie hell und melodiſch ihre Stimme klingt. Sie ſegnet mich! ich höre es ich fühle es hier. Jetzt legt ſie ihre Robe ab und macht ſich für das tödliche Beil zurecht. Der geübte Scharfrichter aus Calais ſchwingt es und befühlt jetzt ſeine Schärfe. Jetzt nimmt ſie von ihren Damen Abſchied und ertheilt jeder eine letzte Gabe. Nun kniet und betet ſie. Sie erhebt ſich. Der verhängnißvolle Augenblick iſt da. Auch jetzt verläßt ſie ihr Muth nicht, ſie nähert ſich dem Block und legt ihren Kopf darauf. Das Beil wird gehoben ha!

Der Ausruf ward veranlaßt durch einen Feuerblitz auf den Zinnen des Runden⸗Thurms, dem eine Rauchwolke folgte; noch eine Sekunde, und das dumpfe Brummen einer Kanone rollte einher.

In demſelben Augenblick, als das Feuer aufblitzte, gal⸗ loppirte eine ſeltſame Geſtalt auf kohlſchwarzem Roß aus dem Walde und brauſ'te auf Heinrich zu, deſſen Pferd ſich bäumte und ausſchlug, als ſie herbeiſprengte.

Dort hallte Anna Boleyn's Todtengeläute! rief

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