6 Schloß Windſor.
Indem er vorwärts ſchritt erklang der Vespergeſang aus der St. Georgen⸗Capelle; und während er anhielt, um den heiligen Tönen zu lauſchen, öffnete ſich eine Thür in dem Theile des Schloſſes, wo die Privatgemächer des Königs lagen, und es trat Jemand auf ihn zu. Der neu Hinzukommende hatte breite, braune und kriegeriſche Züge, die durch einen ſtarken, kohlſchwarzen, nach der damaligen Mode kurzbeſchnittenen Bart und einen ungeheuren Knebel⸗ bart noch düſterer gemacht wurden. Er war mit einem Bruſtſtück angethan, das zwiſchen den Falten eines dunkel⸗ braunen Ueberwurfs hervorſchimmerte, und trug eine Stahl⸗ haube anſtatt des Baretts auf dem Kopf, während ein langes Schwert unter ſeinem Mantel herabhing. Als er bis auf wenige Schritte zu dem Jüngling herangekommen war, der ihm den Rücken zugewandt hatte und ſeine Annäherung nicht hörte, machte er ſich ihm durch ein lautes Räuſpern bemerk⸗ bar, das die Stärke ſeiner Lungen bewies und die unter den Zinnen hauſenden Krähen aus dem wiederhallenden alten Gemäuer aufſcheuchte.
„Wie! beim Dichten einer Veſperhymne, Mylord von Surrey?“ rief er lachend, als jener die Schreibtafel, die er bis dahin in der Hand gehalten hatte, haſtig in den Buſen ſteckte.„Nicht lange, und Ihr werdet es Meiſter Skelton, dem gekrönten Dichter, zuvorthun, und Eurem Freunde Sir Thomas Wyat obendrein. Gefillt es aber Eurer Herrlichkeit, für einen Augenblick die Geſellſchaft der himmliſchen Neun Schweſtern zu verlaſſen und auf Erden herabzuſteigen, während ich Euch melde„daß ich als Euer Stellvertreter alle nöthigen Anordnungen für Seiner Majeſtät Empfang auf Morgen getroffen habe?“
„Ihr habt nicht vergeſſen, hoffe ich, Hauptmann Bouchier, dem Kammerdiener wegen der Gemächer für meine ſchöne Coufine, Anna Boleyn, Befehle zu ertheilen?“
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