450 Einundzwanzigſtes Kapitel. Nach Gibraltar.
Gibraltar hat ein kleines Theater, welches aber meiſtens unbenützt iſt. Zufällig aber traf es ſich in den Tagen unſeres Dortſeins, daß die engliſchen Offiziere der Garniſon zu irgend einem wohlthätigen Zweck eine Vorſtellung veranſtalteten. Sie gaben ein Schauſpiel: Richelieu, ich glaube eine engliſche Ueber⸗ ſetzung aus dem Franzöſiſchen. Wir erhielten Eintrittskarten, von denen wir begreiflicherweiſe Gebrauch machten. Das Schau⸗ ſpielhaus iſt klein, aber freundlich, und war mit einer ge⸗ wählten Geſellſchaft beſetzt. Zwiſchen blonden engliſchen Damen in großer Toilette ſahen wir wieder einmal auch ſchöne ſchwarz⸗ äugige Spanierinnen, und neben den unmaleriſchen europäiſchen Fräcken maleriſche Trachten aus der Berberei, Mauren im weißen Burnus, die das ſeltene Schauſpiel und die unverſtänd⸗ liche, für ſie ſo harte Sprache ernſthaft anſtaunten. Sehr reich waren die Coſtüme der Acteurs; an ächten Frauen agirten nur zwei wirkliche Schauſpielerinnen, ein paar blutjunge hübſche Offiziere ſtellten die übrigen Damenrollen dar. Geſpielt wurde im Allgemeinen ziemlich gut; auch waren Künſtler und Publikum außerordentlich heiter; für mich iſt aber die Erinnerung an jenen Abend eine ſchmerzliche, denn wie wenige jener friſchen lebens⸗ luſtigen jungen Leute mag auf den blutgetränkten Schlachtfeldern der Krimm der unerbittliche Tod verſchont haben!


