Nach Gibraltar. 449
höhle, die im ſüdlichen Theile des Felſens liegt und zu welcher wir jetzt hinabritten. Vor einem hohen Felſenthor ſtiegen wir von den Pferden, unſer Führer zündete Fackeln an und dann ging es ziemlich ſteil abwärts. Unten angekommen, ſieht man die natürlichen Felſenmaſſen ſich wie die Kuppeln eines unge⸗ heuren Domes wölben; von ſchlanken Säulen unterſtützt, die durch Tropfſteingebilde verziert, bald gothiſchen Pfeilern ähnlich ſehen, bald ſeltſamen phantaſtiſchen Geſtalten, bald rieſenhaften Baumſtämmen mit weitverzweigten Aeſten. Prachtvoll iſt von hier aus geſehen die bläuliche Färbung des Tageslichtes vor dem hier unten nicht ſichtbaren Eingange; an den wild zerriſſenen Felswänden beleuchtet es oben grell die vorſpringenden Zacken und zeigt Schlagſchatten von wahrhaft abenteuerlichen Formen. Im Hintergrund der Höhle bildet die Fortſetzung derſelben ein ſteil abfallender Felſengang, deſſen Ende und Tiefe noch nie er⸗ gründet worden iſt. Schon häufig ſind engliſche Offiziere hier auf Entdeckungsreiſen ausgegangen, indem ſie an Stricken hinab⸗ glitten, ohne ein Ende der Höhle zu finden; am weiteſten ſoll der engliſche General O'Hara gekommen ſein, der an der Stelle, wo er endlich ohne Erfolg umkehren mußte, einen koſtbaren Degen hinterlegte für einen ſpätern Entdecker, der ſich aber bis jetzt noch nicht gefunden. Der Sage nach ſoll dieſer Gang unter dem Meere nach Afrika führen und dort mit einer Höhle auf. dem Affenberge bei Ceuta in Verbindung ſein. Hiedurch will man es auch erklären, daß zahlreiche Affenheerden, die man heute an der Oſtſeite des Felſens von Gibraltar häufig ſteht, morgen ſpurlos verſchwunden ſind, um nach einigen Tagen ebenſo plötz⸗ lich wieder zu erſcheinen. Als wir ſpäter zur Stadt zurück⸗ kehrten, hielt unſer Führer plötzlich ſein Pferd an und zeigte nach einer buſchigen Stelle des Felſens. Dort bewegte ſich frei⸗ lich an verſchiedenen Stellen etwas und huſchte unter dem Laube hin und her, ob es aber afrikaniſche Affen oder europäiſche Haſen waren, darf ich als wahrheitsliebender Reiſender mich nicht unter⸗ ſtehen, zu entſcheiden. Hackländer, Ein Winter in Spanien. II. 29


