Teil eines Werkes 
2. Bd. (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Nach Gibraltar. 441

Granada und Malaga, gegenüber dem poetiſchen Maurenlande durch ein Paar Tauſend Engländer ein ſo troſtlos nüchternes Anſehen gewinnen kann, iſt völlig unerklärlich. Wenn man durch die lange Hauptſtraße Gibraltars geht, nicht rechts blickend wo durch irgend eine Seitengaſſe ein Stück des Maſtenwalds her⸗ vorſieht, aber nach links, wo der gewaltige Fels hereinragt, ſo hätte man glauben können, in der ſtillſten Krämerſtadt mitten im Lande zu ſein, die fern, abgeſchloſſen von der Welt daliegt, und wohin ſich höchſtens zweimal in der Woche ein alter, ge⸗ brechlicher Poſt⸗Omnibus verirrt. Und dieſe drückende Leere auf den Straßen! Nur hin und wieder wandelt ein einſamer Paletot oder ein paar rothröckige Soldaten. Gott ſei Dank, daß wir an einem Kaffeehaus vorbeikamen, vor dem ein paar Mauren ſaßen, den langen weißen Burnus über den ſeidenen maleriſchen Gewändern, mit ſchönen gelben, arabiſch ernſten Geſichtern. Dazu die Stille der Häuſer, kein Gelächter, kein Geplauder an den halboffenen Fenſtern, kein Guitarrenklang, kein luſtiges Lied. Wo waren die lieben ſpaniſchen Augen geblieben, die friſchen lachenden Lippen mit den ſchönen Zähnen! Hie und da ſah man wohl eine Jungfrau am Fenſter ſitzen, aber aufrecht und ſteif, ſtrenge und wohlerzogen die Blicke abwendend, wenn die vorüberwandelnden Fremdlinge allzukühn aufſchauten, oder das Fenſter ſchließend, wie es ja auch wohl im ähnlichen Falle bei uns daheim geſchieht von der wohlgekämmten Tochter einer achtbaren Familie.

Im Hötel Gibraltar, einem guten engliſch eingerichteten Gaſt⸗ hofe, bekamen wir ordentliche Zimmer, und kleideten uns ſo⸗ gleich um, um einen Empfehlungsbrief abzugeben, den wir in Madrid erhalten, und zwar an den preußiſchen Conſul, Herrn Schott, deſſen liebenswürdige Perſönlichkeit uns ſchon manche Reiſende gerühmt hatten. Wir fanden auch alles Gute und Liebe, was man von dieſem gaſtfreundlichen Hauſe geſagt, auf's Vollkommenſte beſtätigt, und wenn auch keine Vergeltung, ſo übe ich doch eine Gerechtigkeit, wenn ich ſage, daß Herr Conſul Schott