Teil eines Werkes 
2. Bd. (1855)
Entstehung
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22 Zwölftes Kapitel.

offen läßt. Wir drängen uns in die vordern Reihen und ſehen einen Strom von Equipagen, Fußgängern, namentlich aber Rei⸗ tern an uns vorüberziehen. Und Reiter, nicht im Ueberrock oder Wamms, wie wir ſie gewöhnlich in den Straßen Madrids ſehen, ſondern heute im phantaſtiſchen ſpaniſchen Coſtume. Cs iſt wie ein großartiger Maskenzug; jeder Elegant hat ſich und ſein Pferd beſtens herausgeputzt, Kutſcher und Reitknechte der vornehmen Häuſer kommen in der Tracht ihres Heimathlandes, während viele der Pferde Wappendecken tragen und die bunten Bänder am Kopfzeug und Sattel die Farben der Herrſchaft zeigen.

Einen Augenblick hier ſtehen zu bleiben iſt ſchon amüſant, doch um Alles genau und deutlich zu ſehen, was nach St. Antonio hin⸗ aufzieht, müſſen wir dem glänzenden, lebendigen Strome folgen und hinaufſteigen bis zur Straße Hortalera, einer ſo engen Gaſſe, daß Wagen und Reiter nur im Schritt und Einer hinter dem Andern durchpaſſtren können. Es wird uns ſchwer werden, dort auf dem ſchmalen Trottoir einen Platz zu erhalten, doch ſind die Spanier ein ſehr anſtändiges und höfliches Volk, und da die Umſtehenden im Augenblicke hören, daß wir Fremde ſind, ſo drücken ſie ſich zu⸗ ſammen, laſſen uns vornehin ſtehen, und nennen uns gern einen eleganten Reiter, der vorbeikommt, oder den Namen der Herr⸗ ſchaft einer beſonders reichen Equipage.

Die Straße Hortalera iſt ſehr lang, ſchmal und mit hohen Häuſern beſetzt, bietet aber heute einen Anblick, wie der Corſo in Rom. Alle Balkonthüren ſind geöffnet und mit Damen beſetzt, von denen wenigſtens zwei Drittheile junge ſchöne Mädchen ſind. Nicht als ob die Straße deren ſelbſt ſo viele aufzuweiſen hätte, ſondern aus ganz Madrid findet man ſich hier bei Verwandten und Bekannten zuſammen, um zu ſehen und geſehen zu werden. An⸗ fänglich üben auch die zahlreich beſetzten Balkone eine ſtärkere Anziehungskraft auf die Vorüberwandelnden, als der Zug der Pferde und Equipagen. Ueber den eiſernen Geländern hängen bunte Teppiche, neben welchen vielfarbige Bänder flattern. Die Damen haben ſich, dem Tage zu Ehren, ebenfalls feſtlich geſchmückt

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