Madrid. 17
ab, ziemlich theilnahmlos an den unendlich langen Häuſerreihen vorbei. Alle Gebäude gleichen ſich mehr oder weniger, haben vier bis fünf Stockwerke, an den Fenſtern befinden ſich eiſerne Bal⸗ kone, und im Parterre unbedeutende Laden. In vielen alten Städten bleibt man ſo gern bald hier, bald dort ſtehen, betrachtet ſich einen ſeltſamen Palaſt, einen prächtigen Brunnen, eine ma⸗ leriſche Straße, eng gewunden, mit dunklen, alterthümlichen Häu⸗ ſern beſetzt, oder man erreicht mit einemmal einen großen Platz, wo man die ſchönen Formen einer Kirche anſtaunt. In einer neuen Stadt mit viel Leben und Getreibe kann man ſich ſtunden⸗ lang vor den großen Magazinen angenehm beſchäftigen, oder man flanirt behaglich auf breitem Trottoir. Madrid aber iſt weder eine alte Stadt mit auffallenden Bauwerken, noch eine neue mit glän⸗ zenden Magazinen und ſchönen Trottoirs, vollends aber ohne beſondere Anläſſe keine Stadt mit ſpaniſch⸗nationalem Leben. Auf unſern zahlreichen Wanderungen haben wir nichts merk⸗ würdiges von alter Architektur gefunden, als in der Toledoſtraße, zunächſt der Plaza de Cebada, den Eingang zu dem Spital der Latina, wohl das älteſte Portal in Madrid und von großem Kunſtwerth; überhaupt iſt die ganze Bauart Madrids eine kümmer⸗ liche, bloß die Vorderſeite des Hauſes iſt maſſiv, alles übrige iſt von Fachwerk aufgeführt und ſehr hinfällig conſtruirt, da bei der Holzarmuth der Spanier ſie dieſes aufs Aeußerſte ſparen, und die Wände ſo dünn machen, daß ſte nur eben halten. Madrid hat nur breite und gerade Straßen, eingefaßt mit Häuſern, welche vielleicht ſchön ſind nach den Begriffen des Miethers und Ver⸗ miethers, doch könnte Madrid ebenſo gut in Frankreich, in Ita⸗ lien, ſelbſt in Deutſchland liegen, ohne als Ausländerin Aufſehen zu erregen. In Paris bietet jedes Stadtviertel ein eigenes und be⸗ lebtes Bild, in der ſpaniſchen Hauptſtadt dagegen kann man ſich die Mühe erſparen, alle Straßen zu durchlaufen: eine iſt wie die andere, und es iſt ſehr ſchwer, die eine oder die andere lebhaft in der Erinnerung zu behalten. Auffallend iſt die Abweſenheit gro⸗ ßer Kirchen, und die meiſten ſind bloß einſchiffige; man ſieht zwar 2
Hackländer, Ein Winter in Spanien. II.


