Teil eines Werkes 
2. Bd. (1855)
Entstehung
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6 Zwölftes Kapitel.

ziemlich nahe bei der Reſidenz, ohne daß ſich dieſe durch freund⸗ liche Dörfer, Landhäuſer oder ſonſt dergleichen ankündigt. Auch der bebauten Felder bemerkt man wenige, und wo man etwas der Art ſteht, da begreift man nicht, woher die Arme kamen, welche die langen Furchen gezogen, denn weit und breit bemerkt man nicht die Spur einer menſchlichen Wohnung. Endlich aber er⸗ ſcheint hie und da ein Bauwerk auf dem Gipfel einer der Anhöhen; wir ſehen alterthümliche Gebäude, deren Beſtimmung wir zu ent⸗ räthſeln nicht im Stande ſind, neben einſamen Kirchen und Ka⸗ pellen, welche gerade in dieſer ihrer Einſamkeit und ihren ſtarren Formen wenig zur Belebung der Gegend beitragen. Wir glau⸗ ben ſchon die Eiſenbahn habe ſich geirrt und ſei Gott weiß nach welcher Richtung in die Mancha hineingerathen. Da endlich pfeift vorn die Locomotive; ein alter Spanier, der vor mir auf einer Bank geſchlafen, wickelt ſich aus ſeinem Mantel, ſchaut um ſich und ſagt gähnend:Madrid! Der Zug vermindert ſeine Schnel⸗ ligkeit, wir fahren durch ein baufälliges Lattenthor, bei elenden Schuppen und Magazinen vorbei und befinden uns auf dem Bahn⸗ hof der ſpaniſchen Hauptſtadt.

Für Madrid iſt dieſer außerordentlich beſcheiden. Bei uns hat die geringſte Landſtadt einen weit prächtigern aufzuweiſen. Dabei iſt hier Alles ſo ruhig und ſtill, den Zug verlaſſen kaum dreißig oder vierzig Perſonen, ſchweigſame Geſtalten, den zuge⸗ ſpitzten caſtilianiſchen Hut auf dem Kopf, feſt in den langen brau⸗ nen Mantel gewickelt; Gepäck iſt ſo gut wie gar keines vorhanden, nur hie und da trägt Jemand ein kleines Bündel unter dem Arm. Wir nahmen unſere Koffer in Empfang und als wir nun an den Ausgang des Bahnhofgebäudes traten, mochten wir immer noch micht recht glauben, daß wir uns in der nächſten Nähe von Madrid befänden. Vor uns auf einer Anhöhe ſahen wir freilich Häuſermaſſen, aber da hinauf führte kein ordentlicher Weg, denn was hier einen ſolchen vorſtellen ſollte, war eine breite, unergründ⸗ liche, im Zickzack durch umherliegende Steinhaufen ſich dahin ziehende Kothpfütze. Daß es nicht einmal vor den Thoren der