30 Bweites Kapitel.
demſelben von einem falſchen Freund auf die Gallerie geführt wird, wo er ſieht, wie ſeine dem Libretto nach übrigens tugend⸗ hafte Frau einem Liebhaber, den ſie abgewieſen, ein Andenken dieſer traurigen Stunde gibt; ſeine Wuth erwacht, und es iſt wahrhaft grauenhaft mit anzuſehen, wie er nach dem Tact der Muſik mit verzerrten Zügen in gräßlichſter Eiferſucht über die Bühne ſchreitet. Einige ſechzig Tänzer und Tänzerinnen im Hin⸗ tergrunde verwundern ſich à tempo darüber und während die Männer zu gleicher Zeit die Hände erheben und mit dem Kopf wackeln, was in der Balletſprache heißen ſoll:„etwas fürchter⸗ liches geſchah“, tanzen die Damen ſehr ausdrucksvoll:„laßt uns eilen, die Herrin zu benachrichtigen“. Darauf folgt im zweiten Act eine häusliche Scene mit Händeringen und Thränen von Seite der Frau, ſowie vielem Fußgeſtampfe von Seite des Gemahls, worauf ſich letzterer im dritten Act entſchließt, der Sache ein kurzes Ende zu machen, indem er ſeinen Nebenbuhler erdolcht; unglück⸗ licherweiſe aber hält ein leichtſtnniger armer Teufel in derſelben Straße ein Rendezvous, ſtolpert, als er nach Hauſe gehen will, über den Ermordeten und wird ergriffen und eingeſteckt. Vierter Act: großes Gericht im Saal des Dogenpalaſtes mit außerordent⸗ licher Pracht; der unglückliche junge Menſch wird zum Tode verur⸗ theilt, ſein Richter, jener venezianiſche Nobile, der wirkliche Mörder, hilft den Unglücklichen verdammen; da erſcheint der falſche Freund aus dem erſten Act wieder, und während hinten die Rathsherren und Gerichtsbeiſitzer viel mit ihren Armen und Beinen umher⸗ ſchlenkern, ſagt jener vorn zum Nobile: Du— nimm Dich— in Acht— meine Augen— ſahen daß Du— ihn erdolchteſt— rette ihn— oder mich ſoll der Teufel holen wenn ich Deinen Collegen nicht alles erzähle. Der Verbrecher ſtürzt zerknirſcht von der Bühne, und im fünften Act ſehen wir eine ländliche Scene, vielleicht der öffentliche Garten bei Venedig, wo das ganze Balletchor ſich bemüht, tanzend ſeinen Schmerz an den Tag zu legen, daß der arme junge Menſch, den ſie alle kennen, verurtheilt


