16 Erſtes Kapitel.
Durch die regelmäßige Befahrung des Comerſees mit Dampf⸗ booten von Colico nach Como, und durch die Eiſenbahn von Camerlata nach Mailand, erreicht man letztere Stadt mit größerer Bequemlichkeit als ſonſt, obgleich man an der Geſchwindigkeit etwas verliert, da man hiedurch ſich entſchließt, nach mühſeliger Splügenfahrt die Nacht in Chiavenna zuzubringen. Freeilich geht von dort immer noch der Nachteilwagen nach Mailand, da aber derſelbe erſt den andern Tag gegen Mittag ankommt, und der Zug von Camerlata nur um ſechs Stunden ſpäter, ſo wird jeder, der zu ſeinem Vergnügen reist, Comerſee und Eiſenbahn vorziehen. Mit eigenem leichten Wagen und Ertrapoſtpferden würde man vielleicht bei ſehr gutem Fahren in vierunddreißig Stunden von Stuttgart nach Mailand gelangen können; man müßte alsdann nämlich den zweiten Tag um 1 Uhr Colico am Ufer des Sees erreichen. Außer der kaiſerlichen Poſt gibt es in Chiavenna noch ein paar Geſellſchaften, bei denen man zur Fahrt nach Mailand für Dampfboot und Eiſenbahn ſein Billet löst, und alsdann für nichts mehr zu ſorgen hat. Obgleich die Poſt ein paar Lire theurer iſt als dieſe Geſellſchaften, thut doch der Reiſende, der des Landes und der Sprache nicht vollkommen mäch⸗ tig iſt, beſſer mit ihr zu fahren.
Ein klarer heiterer Himmel, der uns von Chiavenna bis an den See zu Theil wurde, verſprach einen freundlichen Tag; die Schluchten der Alpen, durch welche uns geſtern unſer Weg geführt, lagen in tiefvioletter Färbung hinter uns, die Sonne vergoldete ihre Felſenkronen, färbte aber auch zu gleicher Zeit Nebel und Wolken, die langſam aufſtiegen, mit einem glühenden Roth. Der Weg von Chiavenna führt auf einer ebenen, theilweiſe gut unter⸗ haltenen Straße am Fuße der Gebirgsausläufer hin, die hier, zerbröckelt, voll Klüfte und Spalten und wild zerriſſen, bei jedem Regenguß eine Menge Sand und Steine ins Thal hinabrollen, welche die Landſtraße, namentlich zur Frühjahrszeit, vielfach ver⸗ derben und oft unſicher, ja gefährlich machen. So paſſirten wir


