vergeblich nach Luft und Licht ſchmachtet. Und Luft und Licht, namentlich das letztere, lag ſo verlockend draußen auf der Straße und ſpielte in goldenem Sonnenglanze an den Mauern des gegenüberliegenden Hauſes. Da glänzte der helle Schein neben tief dunkeln Schatten: da drüben funkelte, blitzte und ſtrahlte es, während hier Alles ſo düſter und traurig erſchien, ſo paſſend zu der ſchwarzge⸗ kleideten Fremden mit ihrem bleichen Geſicht, mit den großen, geſpenſterhaften Augen.
„Madame Nicolai will eine Stelle annehmen,“ ſprach nun die Commerzienräthin, nachdem die drei Damen eine gute Weile geſchwiegen. Sie ſagte das zu Alice gewendet und offenbar in der Abſicht, die Converſation nicht ganz einſchlafen zu laſſen.„Ja,“ wiederholte ſie,„Madame Nicolai will die Stelle annehmen, die im Hauſe des Frei⸗ herrn von Molitor zu beſetzen iſt; Dein Vater wird Ma⸗ dame Nicolai vorſchlagen, und ich zweifle nicht, daß der Herr Baron auf dieſen Vorſchlag bereitwillig eingehen
wird.— Sie kennen den Herrn Baron?“ fragte ſie die Fremde.—
Dieſe ſchüttelte mit dem Kopfe, ehe ſie entgegnete:
„Nein, ich habe ihn nie geſehen; doch glaube ich,“ ſetzte ſie hinzu, nachdem ſie wie verlegen an ihrem Halstuch ge⸗ zupft,„ich habe von ſeinem Hauſe ſchon reden hören.“
„Nun, das wird gerade nicht das Empfehlendſte gewe⸗ ſen ſein,“ meinte die Commerzienräthin.„Ueber das Haus iſt ſchon ſehr viel geſagt worden, und die Leute, die oben hinaus urtheilen, ſind meiſtens geneigt, dem Herrn von Molitor in Allem Unrecht zu geben. Das kommt wohl daher, weil er, und das iſt nicht zu läugnen, ein har⸗ ter, ja unangenehmer Charakter iſt und weil die Welt ſo gern bereit iſt, einer ſchönen Frau unbedingt Recht zu geben.“


