Don Quixote und Tiger. 273
Herzensgüte, ſo viel Wohlwollen für alle Menſchen, daß man darüber die Eigenheiten und oft ſeltſamen Anſichten des edlen Spaniers wohl vergeſſen konnte. Dabei beurtheilte ihn der Doktor ganz richtig, indem er fühlte, daß man es hier mit einem Menſchen voll glühender, ja, vielleicht ausſchweifender Phantaſie zu thun habe, mit einem Gemüthe voll Poeſie, welche in ihm ſchon als Kind durch ſeine eigenthümliche und abenteuerliche Umgebung geweckt worden war und die ſeine jetzige, mehr als proſaiſche Stellung wohl auf Momente zu feſſeln im Stande war, aber ſo wenig unterdrücken konnte, daß ſie, den zufälligſten Ausweg benutzend, ihn oft in ganz excentriſche Bahnen hinein riß.
Herr Larioz hatte dabei einen unüberwindlichen Abſcheu vor aller Falſchheit, vor aller Hinterliſt. Wie es Jemand möglich ſei, ſeinen Nebenmenſchen zu hintergehen, zu betrü⸗ gen, davon hatte er keine Idee; und da ihm in dergleichen Fällen der Hehler ebenſo ſchlecht wie der Stehler vorkam, ſo hielt er es für das verdienſtvollſte Werk, ja, für die Schul⸗ digkeit eines Jeden, unnachſichtlich dem Betrogenen die Augen zu öffnen, wobei er dann aber ſchon oft in den Fall gekom⸗ men war, ſich in Dinge zu miſchen, die ihn durchaus nichts angingen, und für welche Einmiſchung er nicht ſelten den größten Undank erntete, was ihn aber nicht abſchreckte, ein anderes Mal wieder gerade ſo zu verfahren.
Daß er ſelbſt dabei von einer muſterhaften Redlichkeit und Treue war, brauchen wir wohl nicht zu ſagen— Eigenſchaf⸗ ten, die ihm den Doktor Flecker zum Freunde gemacht hatten, und die auch ſein Prinzipal, Herr Rechtsconſulent Plager,
bedingungsweiſe an ihm hochſchätzte. Wir ſagen: bedingungs⸗
weiſe; denn bei den Geſchäften des Advokaten, in die auch Hackländer, Don Quixote. II. 18


