Teil eines Werkes 
1. Bd. (1855)
Entstehung
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dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hin⸗ geſchiedenen kündete, keine Blume ein ſorgendes Herz verrieth, das dem Entſchlafenen die ſtille Thräne nachgeweint. Und dort? in das hohe, feuchte Gras geſchmiegt, lag eine ſchlanke Mädchengeſtalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelöſten Locken ruhten. Lieber Gott, ſagte der Actuar, mit dem Blumenſtock im Arm neben ihr ſtehen bleibend, leiſe vor ſich hines iſt doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz iſt, ſollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgeſichter vor, ſondern geben ſich wie ſie ſind, und wenn es auch eben kein Troſt ſein ſollte andere Menſchen unglücklich zu ſehn, iſt es doch jedenfalls einer, zu wiſſen daß man es nicht allein iſt. Und ſich langſam abwendend ſchritt er dem Grabe ſeines Kindes zu, ſetzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und ſich ſelber

dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das

Grab eines anderen Menſchen deckte.

Dort blieb er lange, das Geſicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in ſeiner Stellung verharrend, ſeinen ſchmerz⸗ lichen Gedanken überlaſſen, bis die Sonne höher und höher ſtieg, und ein ſtechender Kopfſchmerz ihn mahnte den, den heißen

Strahlen vollkommen ausgeſetzten Platz zu verlaſſen, wenn er

ſich nicht noch kränker machen wollte als er ſchon war. Er ſtand auf, und ſah ſich nach dem Todtengräber um, dieſen zu bitten den Blumenſtock für ihn einzuſetzen, und fand ihn auch,