Teil eines Werkes 
1. Bd. (1855)
Entstehung
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ſicht gar gut und ehrwürdig ſtanden. Ihm zur Rechten ſaß ſeine Frau, allem Anſchein nach etwa funfzehn oder ſechzehn Jahre jünger wie er ſelber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch noch ſogar jünger ausſehend, als ſie wirk⸗ lich war. Sie ebenfalls, mit ihrer ſtattlichen Geſtalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber das etwas ausge⸗ 3 ſchnittene Kleid, wie die ſchwere goldene Kette, Broche und Ohrringe, die ſie, faſt etwas zu reichlich ſchmückten, paßten nicht ganz zu dem ſonſt ſo freundlichen, matronenhaften Aeußern. Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen Augen ſchauten gar ſo vertrauungs⸗ und unſchuldsvoll hinein in die Welt, an deren Schwelle ſie ſtand, und die ihr, wie ein eben geöffnetes, prachtvoll gebundenes Buch auf den erſten, flüchtig durchblätterten Seiten, nur freund⸗ liche Blumen und ihr zulächelnde Geſtalten zeigte. Kein Schmerz hatte dieſe engelſanften Züge noch je durchzuckt, keine Thräne wirklichen Schmerzes den reinen Blick getrübt, und die ganze zarte, ſinnige Geſtalt glich der eben entkeimenden Früh⸗ lingsblüthe im ſonnigen Wald, die dem jungen Frühlingstag in Glück und Unſchuld die ſchwellenden Lippen zum Kuſſe bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den rei⸗ naen Aether über ſich, nur ſchöner, nur glühender zurückſpiegelt. Ihre um nur wenige Jahre ältere Schweſter, Sophie, die an des Vaters Seite ſaß, ähnelte der Schweſter in mancher Hinſicht an Geſtalt, aber das einfach kindliche, was Clärchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte ihr. Ihre Geſtalt war

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