Die Ueberraſchung. 113
Licht brannte noch im Zimmer und in der tiefen Stille hatte Marie, faſt ohne es ſelbſt zu wiſſen, die wehmüthige Weiſe eines Liedes angeſtimmt, zuerſt ganz leiſe, bis allmälig die Töne lauter und klarer klangen. Sie ſang:
Ach! ſollt' ich fürder nicht mehr hoffen
Auf Dich, dem ich bisher vertraut?
Dein Gnadenaug', ſteht's nicht mehr offen?
Iſt mir der Weg zu Dir verbaut?
Wie ſoll ſich meine Seele faſſen,
Wenn Der, auf den ich mich verließ,
Mich auch verſtoßen und verlaſſen,
Wie mich die Welt ſchon längſt verſtieß?
Der letzte Ton dieſes Verſes war noch nicht verklungen, die Sängerin hatte nicht Zeit, die zweite Strophe zu be⸗ ginnen, als ſich draußen in geringer Entfernung eine tiefere, ſtärkere Stimme vernehmen ließ, welche die andere Strophe des Liedes ſang:
O Seele, gib dich nur zufrieden,
Dein Gott und Herr verläßt dich nicht. Was Er an Trübſal dir beſchieden, Verkehrt Er bald in Freudenlicht.
O halt' im Glauben, Lieben, Hoffen Nur eine kurze Nacht noch aus,
Des Hüters Gnadenaug' iſt offen, Und offen auch Sein Vaterhaus.
„Es iſt der Vater!“ riefen Marie und die Pfarrerin zugleich, und mit der Raſchheit der Jugend eilte das Mäd⸗ chen der Mutter voraus, um den ſehnlichſt Erwarteten zu begrüßen.
Bhaul, Glaubenstreue.(2. A.)
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