210 Wir ſelbſt, der Erzähler des Gegenwärtigen, haben
im Jahre 1850 in Chile Leute getroffen, welche jene
Nacht erlebten und eine ausführliche Schilderung der⸗ ſelben entwarfen, von welcher wir aber nur eine kurze Skizze wiedergeben können⸗
Man ſtelle ſich Tauſende von Menſchen vor, ohne Feuer, ohne Nahrung, faſt alle ohne eine weitere Be⸗ deckung als die Kleider, die ſie auf dem Leibe trugen, und dabei alle von Angſt und Schrecken erfüllt, auf der Erde liegend, kauernd oder ſtehend und zu Zeiten von den heftigern Erſchütterungen wieder zu Boden geworfen.
Alle Stände der Bevölkerung waren natürlich dort vertreten und die Damen der reichern Klaſſen meiſt im höchſten Putze, da man eben um die Zeit, um welche
das Erdbeben begann, ſich dort Beſuche zu machen pflegt.
Aber dieſe ſchönen Kleider waren häufig bereits be⸗ ſchmuzt und zerriſſen und kaum mehr zu unterſcheiden von dem einfachen Gewande der neben der reichen ebenfalls auf der Erde liegenden armen Frau.
Hier und da hatte ſich eine Gruppe um einen Ster⸗ benden verſammelt, den treue Hände aus der Stadt gerettet hatten und den der Tod, der viel umkommen, aber nichts verloren gehen läßt, jetzt abzuholen kam, trotz der reichen Ernte, welche ihm muthmaßlich dem⸗ nächſt in Ausſicht ſtand.


