Erſtes Kapitel.
An der Kirchenſchwelle.
Die Nacht war lau und ſtill, eine mondhelle Sommernacht. Keine Wolke trübte den dämmernden Himmel, an welchem der Vollmond die ſchwächern Sterne erbleichen ließ während er ſelbſt groß und ruhig, wie ein Fürſt im Bewußtſein der Macht, ſeine erhabene Bahn dahinzog. In der Natur herrſchte feierliches Schweigen, kein Wind rauſchte in den Bäumen, welche die Kuppen und Abhänge der Berge bedeckten, kaum daß ein Lufthauch, aus verborgener Schlucht wehend, von Zeit zu Zeit die Blätter der unbewegten Zweige hob und ein leiſes Flüſtern, wie Geiſtergelispel, im Laube weckte. Eine zauberiſche Beleuchtung im ſchönen Thale! Die Mondſtrahlen flimmerten auf den goldenen Kreuzen der Kloſterkirche, ſie drangen in die hohen Glasfenſter, ſodaß ſich das
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Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I.


