Druckschrift 
Auerbach's Dorfgeschichten
Entstehung
Einzelbild herunterladen

322

aber es war nur ihr eigener Schritt, den ſie vernommen; muthig hüpfte ſie, ohne zu ſtraucheln, über die Wurzeln weg, die ſich über den ſchmalen Waldweg ſchlängeln. Em⸗ merenz war gut geſchult, ſie glaubte nicht mehr an Geiſter und Geſpenſter, aber an den Mocklepeter glaubte ſie ſteif und feſt, hatten ihn ja ſchon ſo viele Leute hockeln müſſen. Sie hob oft ihre Schultern, um ſich zu vergewiſſern, daß der Geiſt nicht auf ihr ſitze. Auch an das Nickesle glaubte ſie, das ſich oft den Leuten wie eine wilde Katze oder wie ein Holzblock vor die Füße rollt, ſo daß, wenn man ſich darauf ſetzen will, man in feuchten Schlamm verſinkt. Sie hielt den Roſenkranz feſt um ihre Hand gewunden.

An der Lichtung des Waldes, wo die ſchöne Buche ſteht, an deren glattem Stamm ein Muttergottesbild befeſtigt iſt, dort kniete Emmerenz nieder, faßte den Roſenkranz zwiſchen ihre gefalteten Hände und betete inbrünſtig. Der Mond trat, wie man ſagt, mit vollen Backen aus den Wolken hervor und überglänzte wie mit Wohlgefallen die Betende, die ſich dann geſtärkt erhob und ihres Weges fortſchritt.

Längs des Neckars zog ſich nun die Straße hin, zu beiden Seiten ſtanden die ſchwarzen Tannenwälder bis zum Bergesgipfel hinan, das Thal war meiſt ſo eng, daß es nur für ſchmale Wieſen, für den Fluß und die Straße Raum bot. Alles lag in ſtiller Ruhe, nur bisweilen zirpte ein Vogel wie aus dem Schlafe, als wollte er ſagen: ahdele, da iſt's recht gut im Neſt. Die Hunde ſchlugen an, wenn Emmerenz an den einſamen Gehöften vorüber ſchritt, die immer wiederkehrenden Mühlen klapperten und pochten emſig, aber das Herz des Mädchens pochte noch viel ſchneller.

Emmerenz war noch nie weiter als zwei Stunden von ihrem Geburtsorte fort gekommen, viele Gedanken beweg⸗ ten nun ihre Seele. Zuerſt lobte ſie ihre liebe Heimath, da iſt's doch anders, das liegt auf dem Berg und hat Felder mit Boden wie Speck Emmerenz wünſchte nur,