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2 Ein Blick auf den Hof und das Kabinet
Ray befördert, die Wiſſenſchaft von einem Newton erweitert,
der Styl von Addiſon und Steele vervollkommnet, die Poeſie von Pope bis zu ihrer erhabenſten Exiſtenz verfeinert und vergeiſtigt, und das Luſtſpiel von Congreve und Farquhar
bis auf den Gipfel der Vollkommenheit gebracht ward;—
unter ſo glücklichen Umgebungen, alles auf allen Seiten Heil und Gedeihen verſprechend, die Vereinigung mit Schott⸗ land vor Kurzem bewerkſtelligt, der Stolz Frankreichs gede⸗ müthigt, das europäiſche Gleichgewicht wiederhergeſtellt und die proteſtantiſche Thronfolge feſt begründet, ſchien nichts mehr an Anna's Größe und Zufriedenheit zu mangeln. Und doch verbarg ſie unter dieſer Maske des Glanzes ein ſorgenſchweres Herz. Die Macht ſchien werthlos, welche ihr ſelten, wenn je, zur Ausführung einer Lieblingsmaßregel von Nutzen war. Die angeborne Trägheit ihres königlichen
Gemahls, des Prinzen Georg von Dänemark, dem ſie zärtlich
zugethan war, und ſeine Unfähigkeit zur Verwaltung der hohen Aemter, zu denen er ernannt worden war, welche ihm
nicht ſelten beißenden Tadel von der Oppoſitionspartei zuzog,
waren Quellen des Kummers für ſie. Der Verluſt ihrer ganzen Familie, und beſonders des Herzogs von Glouceſter im Alter von eilf Jahren, nagte an ihrem Gemüth und erſchien ihr in Augenblicken der Muthloſigkeit, von denen ſie zuweilen heimgeſucht ward, als eine Strafe des Himmels für ihren Abfall von ihrem Vater, dem entthronten und verbannten Jakob dem Zweiten. Die Lage ihres Bruders, des Chevalier de St. George, wie er ſich nannte, beunruhigte ſie nicht minder und erweckte dann und wann Bedenklichkeiten in ihrer Bruſt, ob ſie ſich nicht einen Thron angemaßt hätte, der von Rechtswegen ihm gebührte. Hierzu kam noch, daß ihr Kabinet im Innern veruneinigt war, und der Partheien⸗ krieg mit ſolcher Heftigkeit wüthete, daß ſie ſelbſt in ſeinen
Angriffen und Gegenthätlichkeiten nur wenig geſchont ward.
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