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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

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Perſon das Boot. Auf der andern verzehrt ſie ſo viele Pfund Beefſteak und ſo viele Nöſel Porterbier. Jene Beefſteaks und jenes Porterbier bilden das Brennmaterial zu der Locomotive der jungen Perſon. Sie ſchöpft dar⸗ aus eine gewiſſe Quantität von Kraft, das Boot zu rudern; dieſe Kraft producirt ſo und ſo viel Geld; dies fügt man

Nöſel Porterbier. Auf der einen Seite hat die junge

zu der kleinen Jahresrente hinzu, und damit hat man

das Einkommen der jungen Perſon vor ſich. Dies(ſo ſcheint es dem Lieferanten) iſt die richtige Art und Weiſe, die Sache zu beleuchten.

Da die ſchöne Zauberin während dieſer Auseinander⸗ ſetzungen in einen ſanften Schlummer verſunken, hat Niemand das Herz, ſie zu wecken. Sie erwacht glück⸗

licherweiſe von ſelbſt und richtet die Frage an den wan⸗ dernden Vorſitzenden. Der Wanderer kann den Fall nur

behandeln, als ob es ſein eigener wäre. Falls ein junges Frauenzimmer, wie das beſchriebene, ſein Leben gerettet, ſo würde er ihr dafür recht herzlich verbunden geweſen ſein; würde ſie nicht geheirathet, ſondern ihr eine Stelle auf einem Telegraphenbureau verſchafft haben, wo die jungen Frauenzimmer vortreffliche Dienſte leiſten.

Was meint das Genie mit den dreimalhundertfünf⸗

Pences? Er vermag dies nicht zu ſagen, ohne zuvor zu fragen, ob die junge Perſon Geld hatte?

Nein, ſagte Lightwood, in unnachgiebigem Tone, kein Geld.

Wahnſinn und Mondſchein! iſt darauf das kurze Verdict des Genies.Für Geld mag ein Mann Alles thun, was geſetzlich iſt. Aber für kein Geld! Un⸗ ſinn!

Was ſagt Boots?

Boots ſagt, er würde es nicht unter zwanzigtauſend Pfund gethan haben.

Was ſagt Brewer?

Brewer ſagt, was Boots ſagt.

Was ſagt Buffer?

Buffer ſagt, er kenne einen Mann, der eine Badefrau heirathete und dann ausriß.

Lady Tippins meint, ſie habe die Stimmen des gan⸗ zen Comite geſammelt(es denkt kein Menſch im Entfernteſten daran, die Veneerings um ihre Meinung zu fragen), als ſie, indem ſie mit ihrer Lorgnette rings um den Tiſch ſchweift, Twemlow erblickt, der die Hand an die Stirn drückt.

Ich neige mich der Anſicht zu, daß es ſich in dieſer Frage um die Gefühle eines Gentleman handelt.

Ein Gentleman, der eine ſolche Heirath macht, kann keine Gefühle haben, brauſt Podsnap.

Verzeihen Sie, Sir, ſagt Twemlow etwas weni⸗ ger ſanft als gewöhnlich.Ich ſtimme nicht mit Ihnen überein. Falls dieſes Herrn Gefühle der Dankbarkeit, der Achtung, der Bewunderung und der Liebe ihn be⸗ wogen(wie ich dies annehme), die Dame zu heirathen

Die Dame! wiederholt Podsnap.

Sir, entgegnete Twemlow mit leicht erregten Handmanſchetten,Sie wiederholen das Wort, und ich wiederhole das Wort. Dieſe Dame. Wie würden Sie ſie ſonſt wohl nennen, falls der Herr anweſend wäre?

Da dieſe Frage etwas von der Beſchaffenheit eines Verblüffers an ſich hatte, ſchwenkte Podsnap dieſelbe nur mit einer ſprachloſen Schwenkung von ſich.

Ich ſage, fährt Twemlow fort,falls ſolche Ge⸗ fühle dieſen Herrn bewogen, dieſe Dame zu heirathen, ſo finde ich, daß er durch dieſe Handlung nur um ſo mehr ein Gentleman wird und ſie um ſo mehr zur Dame macht. Ich wünſche zu verſtehen zu geben, daß

1 ich, indem ich mich des Wortes ‚Gentleman bediene, undſiebenzigtauſend Pfund, keinen Schillingen und keinen

Gerechter! Mein Twemlow vergeſſen! Mein Theuer⸗

ſtes! Mein Einzigſtes! Wie lautet ſeine Stimme? Dwemlow ſieht aus, als fühle er ſich etwas unbe

haglich, wie er die Hand von der Stirn nimmt und er⸗

widert: 4

dies in dem Sinne thue, in dem dieſe Bezeichnung jedem Manne erreichbar iſt. Die Gefühle eines Gentleman ſind mir heilig, und ich bekenne, daß ich mich nicht be⸗ haglich fühle, wenn dieſelben zum Gegenſtande des Scher⸗ zes oder allgemeiner Beſprechung gemacht werden.

Ich möchte wiſſen, ob Ihr edler Anverwandter Ihrer Anſicht ſein würde, höhnt Podsnap.

Erlauben Sie, Mr. Podsnap, entgegnet Twem⸗ low.Er mag dieſelbe theilen oder nicht. Aber ich könnte ſelbſt ihm nicht geſtatten, mir über einen ſehr zarten Punkt Vorſchriften zu machen, in Bezug auf den ich tief fühle.

Es ſenkt ſich hiernach eine Art naſſen Tuches auf die Geſellſchaft herab und Lady Tippins iſt noch nie ſo außerordentlich gefräßig und ſo außerordentlich verdrieß⸗ lich geſehen worden. Mortimer Lightwood allein heitert ſich auf. Er hat ſich der Reihe nach bei jedem Mit⸗ gliede des Comite gefragt:Ob Du nur die Stimme biſt! Aber nachdem Twemlow geſprochen, richtet er die Frage nicht mehr an ſich, ſondern wirft blos einen Blick in Twemlow's Richtung, wie wenn er dankbar ſei. Als die Geſellſchaft ſich zurückzieht zu einer Zeit, wo Mr. und Mrs. Veneering völlig ſo viel von der Ehre ge⸗ noſſen, wie ſie ſich wiſſen, und die Gäſte vollkommen ſo viel ihrerſeits von der Ehre gehabt haben beglei⸗ tet Mortimer Twemlow nach Hauſe, drückt ihm beim

Scheiden herzlich die Hand und begiebt ſich fröhlich heim

nach dem Temple.

ͤG 8 8* Druck 3 in W. Moeſer in Berlin, Stallſchreiberſtraße 34. ** 2

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