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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund. 660

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Ein abermaliges Emporſtrecken der Arme, ein aber⸗ maliges Kopfnicken und ein abermaliger gellender Chor: Bradley Headſtone!

Jetzt hab' ich's! ſagte Riderhood, nachdem er auf merkſam zugehört und innerlich wiederholt:Bradley. Ich verſteh'. Taufname. Bradley, ähnlich wie Roger, was mein Name iſt. Wie? Vatersname Headſtone, ähnlich wie Riderhood, was mein Name iſt. Wie?

Gellender Chor:Ja!

Wären Sie vielleicht mit einer Perſon von Ihrer Größe und Breite, und die auf der Waagge ziemlich Ihrem Gewicht gleichkommen würde, bekannt, gelehrter Meiſter, der auf den Namen ziemlich wieder Anderſte hört? ſagte Riderhood.

Mit einer innerlichen Verzweiflung, die ihn voll⸗ kommen ruhig maſß obgleich ſeine Kinnlade ſchwer

vortrat, die Augenauf Riderhood heftend und mit Spuren beſchleunigten Athmens in den Nüſtern, ant⸗ wortete der Schulmeiſter nach einer Pauſe mit ver⸗

haltener Stimme:Ich glaube, ich weiß, wen Ihr meint.

Ich dachte mir wohl, daß Sie wüßten, wen ich meinte, gelehrter Meiſter. Ich ſuche den Mann.

Bradley erwiderte, ſich halb unter ſeinen Zöglingen umſchauend:Denken Sie etwa, er ſei hier?

Bitt' um Vergebung, gelehrter Meiſter, und mit Verlaub, ſagte Riderhood, auflachend,wie fönnt' ich wohl glauben, daß er hier ſei, wenn Niemand hier iſt, als Sie und ich und dieſe jungen Lämmer, die Sie unterrichten? Aber er iſt ein ganz vortrefflicher Geſell⸗ ſchafter, jener Mann, und ich wünſche, daß er kommt und mich bei meiner Schleuſe am Fluſſe oben beſucht.

Ich will's ihm ſagen.

Denken Sie, daß er kommen wird? fragte Rider⸗ hood.

Ich bin dapon überzeugt.

Da ich Ihr Wort dafür habe, ſagte Riderhood, will ich auf ihn rechnen. Vielleicht verpflichten Sie mich ſo weit, gelehrter Meiſter, ihm zu ſagen, daß ich, falls er nicht ſehr bald kommt, mich nach ihm umſchauen werde.

Er ſoll es wiſſen.

Danke. Wie ich vor einer kleinen Weile bemerkte, fuhr Riderhood fort, indem er ſeine heiſere Stimme ver⸗ änderte und wieder über die Claſſe hinſchielte,obgleich ſelbſt kein gelehrter Charakter, bewundere ich doch die Gelehrſamkeit bei Anderen außerordentlich! Darf ich wohl, da ich einmal hier bin und Ihre gütige Aufmerk⸗ ſamkeit genoſſen habe, gelehrter Meiſter, ehe ich gehe, dieſen Ihren jungen Lämmern eine Frage vorlegen?

Falls es ſich auf Schulſachen bezieht, ſagte Brad⸗ ley, noch immer ſeinen finſtern Blick auf den Andern heftend und mit verhaltener Stimme ſprechend, ſo mögen Sie es thun.

O! Es iſt eine Schulſache! rief Riderhood.Ich will's ſo einrichten, Meiſter, daß es eine Schulſache iſt. Wie werden die Gewäſſer eingetheilt, meine Lämmer?

Welche Arten von Gewäſſer giebt es auf dem Lande?

Gellender Chor:Meere, Flüſſe, Seen und Teiche.

Meere, Flüſſe, Seen und Teiche, ſagte Riderhood. Sie wiſſen ſie alle auswendig, Meiſter! Will mich hän⸗ gen laſſen, wenn ich nicht die Seen ausgelaſſen hätte, da ich, ſo viel ich weiß, in meinem Leben keinen geſehen habe. Meere, Flüſſe, Seen und Teiche. Was, meine Lämmer, wird wohl in Meeren, Flüſſen., Seen und Teichen gefangen?

Gellender Chor(mit einiger Verachtung für die Leich⸗ tigkeit der Frage):Fiſche!

Wieder gut! ſagte Riderhood. Aber was wird wohl ſonſt noch zuweilen in Flüſſen gefangen, meine Lämmer?

Chor in Unſicherheit. Eine gellende Stimme:See⸗ tang!

Wiederum gut! rief Riderhood.Aber Seetang iſt es auch nicht. Ihr werdet es nimmer errathen, meine Lieben. Was fängt man außer Fiſchen wohl ſonſt noch zuweilen in Flüſſen? Nun! Ich will's Euch ſagen: Kleider.

Bradley's Geſicht veränderte ſich.

Wenigſtens, ſagte Riderhood, ihn aus den Win⸗ keln der Augen beobachtend,dieſe fiſche ich zuweilen in den Flüſſen auf, meine Lämmer. Denn ich will mit Blindheit geſchlagen werden, wenn ich nicht dieſes ſelbige Bündel hier unter meinem Arm aus einem Fluſſe her⸗ ausgefiſcht habe, meine Lämmer! 7

Die Claſſe ſchaute den Lehrer an, wie wenn ſie we⸗ gen der unregelmäßigen, fallſtrickartigen Examinirweiſe an ihn appellire. Der Lehrer ſchaute den Examinator an, wie wenn er ihn in Stücke hätte zerreißen mögen.

Ich bitt' um Vergebung, gelehrter Meiſter, ſagte Riderhood, ſich mit dem Aermel über den Mund ſchmie⸗ rend, indem er mit großem Wohlbehagen lachte,es iſt ungerecht gegen die Lämmer, das weiß ich wohl. Es war nur ein kleiner Scherz von mir. Aber ich geb' Ihnen mein Wort, daß ich dies Bündel hier aus dem Fluſſe zog! Es iſt ein Bootmanns⸗Anzug. Derſelbe war dort von dem Manne, der ihn getragen, verſenkt wor⸗ den, und ich holte ihn wieder heraus.

Woher wißt Ihr, daß derſelbe dort von dem Manne, der ihn getragen, verſenkt worden? fragte Bradley.

Weil ich es ihn thun ſah, ſagte Riderhood.

Sie ſchauten einander an. Bradley wandte langſam die Augen von ihm ab, richtete ſein Geſicht der ſchwar⸗ zen Tafel zu und löſchte langſam ſeinen Namen aus.

Tauſend Dank, Meiſter, ſagte Riderhood,daß Sie ſo viel von Ihrer und der Lämmer Zeit an einen Mann verwendet haben, der keine andere Empfehlung hat, als daß er ein rechtſchaffener Menſch iſt. Mit dem Wunſche, daß ich den Mann, von dem wir ſprachen und für den Sie ſich verbürgt haben, in meinem Schleuſen⸗ hauſe am Fluſſe ſehen werde, verabſchiede ich mich hier⸗ mit von den Lämmern und ihrem gelehrten Meiſter.

Mit dieſen Worten ſchlotterte er aus der Schule und überließ es dem Lehrer, ſich ſo gut er konnte durch ſein ſchweres Tagewerk hindurch zu arbeiten, und den Schü⸗ lern, flüſternd das Geſicht ihres Lehrers zu beobachten, bis dieſer den Krampfanfall bekam, der ihn längſt

bedroht.

Der Tag nach dem folgenden war Sonnabend und ein Feiertag. Bradley ſtand zeitig auf und machte ſich zu Fuß auf den Weg nach der Plaſhwater Weir⸗Mill⸗ Schleuſe. Er ſtand ſo früh auf, daß es noch nicht hell war, als er ſeine Reiſe antrat. Ehe er das Licht aus⸗ löſchte, bei dem er ſich angekleidet, that er die anſtän⸗ dige ſilberne Uhr und deren auſtändige Kette in ein klei⸗ nes Paket und ſchrieb inwendig auf das Papier:Bitte, dies gütigſt für mich aufzubewahren. Dann adreſſirte er das Paket an Miß Peecher und ließ es in der ge⸗ ſchützteſten Ecke der kleinen Bank in ihrem kleinen Vor⸗ häuschen liegen.

Es war ein kalter, ſcharfer oſtwindiger Morgen, als er das Gartenpförtchen zuklinkte und ſich abwandte. Der leichte Schnee, der am Donnerſtag wie Dunen auf dem Schulſtubenfenſter gelegen hatte, hing noch in der Luft, und fiel weiß herab, während der Wind ihn ſchwarz an⸗ blies. Der ſpäte Tag erſchien nicht eher, als bis Bradley

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