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Unser gemeinschaftlicher Freund : Roman in vier Büchern / von Charles Dickens (Boz). Mit 40 Ill. von Marcus Stone. Aus dem Engl. von Marie Scott
Entstehung
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Boz, Unſer gemeinſchaftlicher Freund.

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innen eine wahre Geſichtermauer, die mit Hülfe von run⸗ den rothen Flaſchen und grünen Flaſchen und blauen Flaſchen und Flaſchen von allen möglichen Farben zu

allerlei wunderlichen Geſtalten verzerrt ward. Ein ſchau⸗

erliches Licht, deſſen er wahrlich nicht bedurfte, fiel auf ihn; das Unthier, das vor ſo wenigen Minuten noch ſo wüthend geweſen, war jetzt ruhig genug, und trug eine ſeltſame, geheimnißvolle Schrift auf dem Angeſichte, die von einer der großen Flaſchen reflectirt wurde, wie wenn der Tod ihn mit„Mein“ bezeichnet.

Das ärztliche Zeugniß war beſtimmter und unum⸗ wundener, als es oft in den Gerichtshöfen abgegeben wird.„Laſſen Sie lieber Etwas bringen, womit Sie ihn bedecken. Es iſt Alles vorüber.“

Deshalb ließ die Polizei Etwas bringen, womit ſie ihn bedeckten, und er ward durch die Stkaßen dahinge⸗ tragen, in denen die Vorübergehenden davor zurücktraten. Hinter ihm kam die Puppenſchneiderin, ihr Geſicht in dem jüdiſchen Rockſchoße bergend, an dem ſie ſich mit

der einen Hand feſthielt, während die andere den Krück⸗

ſtock lenkte. Er ward nach Hauſe getragen und, da die Treppe ſehr enge war, im Wohnzimmer niedergeſetzt— die kleine Arbeitsbank ward bei Seite geſchoben, um Platz für ihn zu machen— und dort, mitten unter den Puppen ohne Ausdruck in den Augen, lag Mr. Puppen ohne Ausdruck in den ſeinigen.

Es mußten viele putzſüchtige Puppen glänzend aus⸗ ſtaffirt werden, ehe die Schneiderin das Geld in der

Taſche hatte, um Trauerkleider um Mr. Puppen anlegen

zu können. Wie der alte Mann Riah neben ihr ſaß

und ihr in ſolchen kleinen Sachen half, die er verſtand, ward es ihm ſchwer, ſich klar darüber zu werden, ob ſie ſich wirklich vergegenwärtige, daß der Verſtorbene ihr Vater geweſen.—

„Falls mein armer Knabe eine beſſere Erziehung ge⸗ habt,“ ſagte ſie,„würde er vielleicht ein beſſeres Leben geführt haben. Nicht, daß ich mir Vorwürfe mache. Ich hoffe, daß ich dazu keine Urſache habe.“

„Gewiß keine, Jenny, deſſen bin ich ganz gewiß.“

„Ich danke Dir, Frau Pathe. Es freut mich, Dich dies ſagen zu hören. Aber es iſt ſo ſchwer, ſiehſt Du, ein Kind gut zu erziehen, wenn man den ganzen Tag arbeiten, arbeiten, arbeiten muß. Wenn er keine Be⸗ ſchäftigung hatte, war es mir nicht möglich, ihn bei mir zu behalten. Er wurde widerſpenſtig und nervös, und ich war genöthigt, ihn auf die Straße hinausgehen zu laſſen. ut, wenn er von mir fort war. Ich konnte nicht ſpielen.

ber mein armer unglücklicher Knabe konnte ſpielen, und dies war um ſo ſchlimmer für ihn.“

„Und nicht für ihn allein, Jenny.“

„Nun! Das weiß ich nicht, Frau Pathe. Mein armer unglücklicher Knabe hat ſchwer gelitten. Er war zuweilen ſehr, ſehr krank, und ich gab ihm eine Menge von Schimpf⸗

namen,“ ſagte ſie über ihrer Arbeit, den Kopf ſchüttelnd

und Thränen auf jene herabfallen laſſend.„Ich weiß nicht, ob ſeine ſchlimme Lebensweiſe beſonders ſchlimm für mich war. Falls es dies je geweſen, wollen wir es vergeſſen.“

„Ihr ſeid ein gutes Mädchen, Ihr ſeid ein geduldiges Mädchen.“

„Was die Geduld betrifft, Frau Pathe,“ erwiderte ſie achſelzuckend,„ſo haben wir davon nicht eben zu viel. Wäre ich geduldig geweſen, ſo würde ich ihm niemals Schimpfnamen gegeben haben. Aber ich hoffe, daß ich dies zu ſeinem Beſten that. Und überdies fühlte ich meine Verantwortlichkeit als Mukter ſo tief. Ich ver⸗ ſuchte Vernunftgründe, und die Vernunftgründe hatten

Und er that nie gut auf der Straße, that nie

V keine Wirkung. Ich verſuchte es mit Schr das Schmeicheln hatte keine Wirkung. mit Auszanken, und das Auszanken Aber ich war verpflichtet, bei einer lichkeit Alles zu verſuchen. Wie⸗ wohl gegen meinen armen verlorenen Knaben meine Pflicht erfüllt, wenn ich nicht Alles verſucht hätte!“

Unter ſolchem Geſpräch, das von Seiten des fleißigen kleinen Weſens meiſtens in heiterem Tone a hr ward die Tagearbeit und Nachtarbeit verkürzt, bis hinreichend fein geputzte Puppen fortgeſandt waren, um in die Küche, wo die Arbeitsbank jetzt ſtand, den dunklen Stoff, den die Gelegenheit erforderte, und die andern düſtern Zu⸗ richtungen in's Haus zu bringen.„Und jetzt,“ ſagte Miß Jenny,„da ich mit meinen rothwangigen jungen Freundinnen fertig bin, will ich mich an mein weißwan⸗ giges Selbſt machen.“ Dies bezog ſich auf das Anfer⸗

tigen ihres Trauerkleides, das endlich fertig ward.„Der

Nachtheil bei der Arbeit für die eigene Perſon,“ ſagte

Miß Jenny, auf einem Stuhle ſtehend, um das Reſultat im Spiegel zu betrachten,“*„beſteht darin, daß man Nie⸗ mand Anders dafür bezahlen machen kann, und der Vor⸗ theil darin, daß man nicht auszugehen braucht, um an⸗ zuprobiren. Hm! Wirklich ganz leidlich! Ich hoffe, daß er(wer er immer ſein möge), falls er mich jetzt ſehen könnte, ſeinen Handel nicht bereuen würde!“

Die einfachen Vorkehrungen waren von ihr ſelber angeordnet, und ſie machte Riah folgendermaßen mit denſelben bekannt:

„Ich beabſichtige, allein, in meiner gewohnten Equi— page, zu folgen, Frau Pathe, und Du wirſt die Güte haben, das Haus zu bewachen, während ich fort bin. Es iſt nicht weit von hier. Und wenn ich zurückkomme, wollen wir eine Taſſe Thee trinken und uns mit Plä⸗ nen für die Zukunft unterhalten. Das letzte Haus, das ich meinem armen unglücklichen Knaben zu geben im Stande war, iſt ein ſehr einfaches; aber er wird den Willen für die That annehmen, falls er überhaupt etwas davon weiß; und falls er nichts davon weiß,“ indem ſie ſchluchzte und ſich die Augen trocknete,„nun, dann wird es ihm nichts ausmachen. Ich ſehe im Gebetbuche, daß wir nichts mit uns in die Welt bringen und es iſt ganz ſicher, daß wir nichts aus derſelben mit uns fortnehmen können. Dies tröſtet mich darüber, daß ich nicht im Stande bin, eine Menge dummen Begräbnißſtaat für meinen armen Knaben zu miethen, und mir das Anſehen

icheln, und

zu geben, als ob ich denſelben mit ihm aus der Welt ſchmuggeln möchte, während ich doch bei dem Verſuche durchfallen und Alles wieder mit zurückbringen müßte. So aber wird nichts weiter zurückgebracht werden, als ich, und dies iſt völlig conſequent, denn eines Tages werde auch ich nicht wieder zurückgebracht werden.“

Nach jenem erſten Tragen durch die Straßen war es, als ob der erbärmliche alte Burſche zum zweiten Mal begraben würde. Er ward auf die Schultern von einem halben Dutzend Männern mit blühenden Geſich⸗ tern gehoben, die mit ihm nach dem Kirchhofe wankten und denen noch ein Mann mit blühendem Angeſicht vor⸗ ausging, der einen majeſtätiſchen Gang affectirte, wie wenn er ein Conſtabler der T(odes)⸗Diviſion geweſen, und der ſich ceremoniös ſtellte, als kenne er ſeine ver⸗ trauten Bekannten hinter ſich gar nicht, wie er dem Zuge voranſchritt. Doch machte der Anblick einer einzi⸗ gen kleinen Trauernden, die ihnen nachhumpelte, viele Leute mit Theilnahme zurückſchauen.

Endlich war der widerwärtige Verſtorbene in die Erde geſchafft, und der majeſtätiſche Vorgänger marſchirte vor der einſamen kleinen Schneiderin zurück, als ob ſie

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